Sommer 1968

Während Studenten und andere Weltverbesserer gegen Ausbeutung und Vietnamkrieg Strassenkämpfe inzenierten, unsere Politiker als Gegenreaktion die Notstandsgesetze durchpaukten, beschlossen meine Freunde und ich uns dem ganzen Trubel für eine Weile zu entziehen. Unsere zahlreichen Freundinnen, die wir bisher tatkräftig bei ihrem Kampf um sexuelle Befreiung unterstützt hatten, würden eben einige Wochen ohne uns auskommen müssen. Als Fluchtland hatten wir uns die Türkei ausgesucht. Von Zeit zu Zeit sah man schon einen, aber noch hatte die unheilige Allianz aus Industriellen und willfährigen Politikern unser Land nicht mit billigen Arbeitskräften aus der Türkei geflutet. Das die Türken Moslems waren störte uns nicht, schliesslich waren wir ja auch, bis auf eine Ausnahme, katholisch. Aber wie zu ihnen kommen? Geld hatten wir nur wenig, es reichte gerade aus um einen betagten VW Bus zu erstehen und ihn einigermassen reisefertig zu machen. Eigentlich war das mit einem 30 PS Motor ausgestattete Gefährt für sieben Personen und dem unvermeidlichen Gepäck mindestens eine Nummer zu klein, aber irgendwie würde es schon gehen. Ende Juli war es so weit. Mit nicht mal 3000 DM in der Reisekasse, aber viel Mut und Zuversicht, machten wir Sieben uns auf den Weg in den Orient.


Sieben Freunde und ihre "Möhre"

Nachdem wir uns, überwiegend schiebenderweise, über die Alpenpässe gequält hatten, lasen wir Nachts einen blutüberströmten Mann von der Strasse auf, der angeblich aus einem Reisebus gefallen sein wollte. Unsere Bemühungen, den nur wenig deutsch sprechenden Mann loszuwerden (die Polizeidienstelle in einem Dorf weigerte sich standhaft ihn zu übernehmen) waren schliesslich doch noch erfolgreich. Trotz des lautstarken Protest des dort anwesenden Personals, legten wir ihn kurzerhand im Eingangsbereich des Klagenfurter Krankenhauses ab und verschwanden anschliessend in Richtung Jugoslawien. Als wir die Grenze passierten waren wir richtig froh, diesen missmutigen und wenig hilfsbereiten Österreichern vorläufig entkommen zu sein. Über Rijeka und Split fuhren wir die Küstenstrasse hinunter, um dann in einem Ort namens Sebreno in der Nähe von Dubrovnik, auf einer ausgetrockneten Wiese, die sich "Campingplatz" nannte, Rast zu machen.


Gerade angekommen. Das links neben dem Bus auf dem Boden stehende Grundig Tonbandgerät TK-2400 FM mit Radio (Baujahr 1966) ist übrigens nach wie vor in meinem Besitz und immer noch voll funktionsfähig.


Der Strand von Sebreno

Wir gammelten herum, gingen Schwimmen und sahen uns Dubrovnik an, dessen gewaltige Stadtmauer schon ziemlich beeindruckend war.


Obwohl uns die Gegend ganz gut gefiel und die Preise sensationell günstig waren, ein komlettes Balkan-Menü inklusive einem Pivo (Bier) kostete nicht mal 3 Mark, war an einen längeren Aufenthalt nicht zu denken.


Unsere eher aus Langeweile inzenierten Schiessübungen, aber vor allem...


... die simulierten Hinrichtungen irritierten zwar die andern, ausschliesslich aus Einheimischen bestehenden Camper, hielten uns aber vermutlich jene unwillkommenen Besucher vom Leib, die sich schon heftig für unser Gepäck zu interessieren begannen.


Der einzige Luxus, den der Platz zu bieten hatte, bestand aus einigen Wasserhähnen an denen man sich gleichzeitig bräunen und waschen konnte.



Obwohl dieses Herumgegammele, in Verbindung mit billigem Wein, gar nicht so schlecht war, mussten wir langsam an die Weiterfahrt denken.


Wir packten unsere Sachen zusammen, luden sie in und auf den Bus und verliessen den kleinen, aber gemütlichen Ort, der uns einschliesslich seiner überwiegend netten Bewohner, ganz gut gefallen hatte.


Der Hafen von Dubrovnik

Während wir weiter in Richtung Süden, rollten unsere ostdeutschen Landsleute, zeitgleich mit ihren Kameraden aus den anderen Warschauer-Pakt Staaten, in ihren Panzern über die tschechoslowakische Grenze und beendeten den sogenannten „Prager Frühling“, was unsere jugoslawischen Gastgeber ziemlich zu beunruhigen schien. Überall standen plötzlich Menschen um Radios herum, die sich mit ernsten Gesichtern die neusten Meldungen über die Invasion anhörten. Ihre wohl nicht ganz unbegründete Unsicherheit und Angst war deutlich zu spüren. Vielleicht fuhren die Invasionstruppen ja gleich weiter und erledigten das Problem, mit dem anderen aufmüpfigen Bruderstaat gleich in einem Abwasch. Da unser Tonbandgerät nur über einen UKW Empfänger verfügte, waren wir auf das angewiesen, was wir von den Jugoslawen erfuhren und das klang ziemlich beunruhigend. Die NATO hatte ihre Truppen, ebenso wie die Jugos, in höchste Alarmbereitschaft versetzt und die Russen vor weiteren Schritten gewarnt. Man brauchte kein Hellseher zu sein um zu schnallen, dass es verdammt nach Krieg roch. Was sollten wir tun? Nach kurzer Beratung beschlossen wir, einfach so zu tun als ginge uns die Sache nichts an. Wir liessen Albanien rechts liegen und fuhren weiter in den Kosovo, dessen zahlreiche Moscheen und Minarette uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Türkei gaben. Alles andere sah ziemlich verwahrlost und trostlos aus. In dem Ort Pec machten wir Halt und kauften bei einem „Metzger“, dessen über der Theke frei schwingende Fleischstücke von dichten Fliegenmänteln umgeben waren, zwei Mettwürste für jeden von uns. Leider stellten sich diese nur äusserlich perfekten Kopien als für Mitteleuropäer völlig ungeniessbar heraus, so das wir beschlossen sie mildtätig an die um unseren Bus versammelte einheimische Bevölkerung zu verteilen. Die bestand zum grössten Teil aus Kindern und Halbwüchsigen, denen unsere „Mettwürste“ allerdings hervorragend zu schmecken schienen.

Die Fütterung beginnt, ...




... und artet langsam zur Wurstorgie aus.

Gierig rissen sie uns die Würste aus den Händen und verschmähten sie auch dann nicht, wenn wir sie ihnen einfach vor die schmutzigen Füsse warfen. Nachdem wir unseren Wurstvorrat auf diese Weise losgeworden waren, beendeten einige Erwachsene die sich vor unserem Bus anbahnende Wurstorgie auf ungewohnt autoritäre Weise. Mit Tritten und brutalen Fausthieben prügelten sie auf die Kinder ein, von denen einige nur noch kriechend der Raserei ihrer Züchtiger entkommen konnten. Da uns selbst inzwischen ebenfalls eine böse schauende Menge auf den Pelz rückte, verzichteten wir darauf die edlen Kinderrächer zu spielen und machten uns stattdessen schleunigst davon. Vom Kosovo hatten wir erst einmal die Nase voll, auch wenn die Landschaft teilweise sehr anmutig und schön war. Diese finster dreinblickenden Skipitaren, deren übliche Kopfbedeckung uns frappierend an in der Mitte durchgeschnittene weisse Gummibälle erinnerte, waren uns unheimlich und alles andere als symphatisch. Deshalb hielt sich unser Mitleid auch in Grenzen, als ich einen dieser Gummiballbehüteten während der Fahrt mit dem Aussenspiegel erwischte und samt Fahrrad, zu einem ungewollten Purzelbaum veranlasste. Als die Anderen mir versicherten, dass der Mann wieder aufgestanden sei und drohend die Fäuste geschüttelt habe, fühlte ich mich trotz aller Abneigung doch wieder etwas besser. Anhalten taten wir jetzt jnur noch, wenn es sich nicht vermeiden liess und atmeten erleichtert auf als wir endlich die Grenze erreichten. Der griechische Zoll schien über unsere Ankunft allerdings weitaus weniger begeistert zu sein, denn die Beamten liessen es sich nicht nehmen unser Gefährt gründlich in Augenschein zu nehmen. Nachdem wir endlich als clean geoutet waren, verpassten sie uns doch noch die begehrten Stempel in unsere Reisepässe, wünschten eine gute Reise und entliessen uns auf die erstaunlich gute Landstrasse die, wenn wir der Karte glauben durften, direkt nach Thessaloniki führte. Leider war die Beschilderung nicht ganz so prächtig, jedenfalls für Leute wie uns denen griechische Schriftzeichen höchstens als Mathe-Symbole geläufig waren. Spät abends hatten wir uns schliesslich so verfranzt, dass wir uns einen Einheimischen herbeisehnten, der dann auch tatsächlich, fast wie eine Erscheinung, im Scheinwerferlicht vor uns auftauchte. Als Rainer ihn heranwinkte, kam der noch etwas von den Autolampen geblendete Mann nur zögernd näher. Wegen der völlig unbeleuchteten Strasse hatten wir unsere Taschenlampen auf den offenbar etwas Ängstlichen gerichtet. "Geht es da, oder da nach Thessaloniki?", fragte ihn Rainer und unterstrich seine Frage mit einer energischen Hin- und Herbewegung seiner Hand, die der Grieche offenbar gründlich missverstand. Einen Moment starrte er Rainer mit weit aufgerissenen Augen an und verschwand dann mit einem beherzten Sprung in der Dunkelheit. "Der Kerl hat gedacht, dass du ihm die Kehle durchschneiden willst", stellte Theo trocken fest, während wir andern vergeblich versuchten den Verschwundenen zumindest mit unseren Taschenlampen wieder einzufangen. Uns blieb nichts anderes übrig als weiterzufahren und darauf zu hoffen, dass wir nicht allzu weit vom richtigen Weg abgekommen waren. Nach etwa halbstündiger Fahrt tauchte vor uns in der Dunkelheit ein kleiner leuchtender Fleck auf, der schnell grösser wurde und sich als eine mindestens hundertköpfige Hochzeitsgesellschaft herausstellte, die unter einem riesigen, zeltartigen Baldachin feierte. Wie der kleine Ort hiess ist mir entfallen, dass seine Bewohner sehr gastfreundlich waren aber nicht. Zu unserer Überraschung lud man uns ein mitzufeiern, was wir uns nicht zweimal sagen liessen. Nach reichlich konsumierten Ouzo zwang uns die Müdigkeit doch bald zum Bus zurück und liess uns sofort in einen tiefen Schlaf fallen. Trotz unseres Katers, brachen wir in aller Frühe auf und fuhren weiter in Richtung Thessaloniki, das wir gegen Mittag erreichten. Nach einem kurzen Stopp dort, ging es anschliessend weiter zur türkischen Grenze, die wir schon am späten Nachmittag passierten. Auch wenn das nur der europäische Teil war, wir hatten unser geplantes Ziel erreicht. Allerdings war der erste Eindruck alles andere als berauschend. Im Gegensatz zu den schmucken, weiss getünchten griechischen Dörfern, sahen die türkischen ziemlich runtergekommen aus und als wir am späten Abend die Vororte von Istanbul erreichten, wurde es auch nicht viel besser. Immerhin, der Campingplatz auf den wir durch unseren Campingführer gestossen waren, konnte sich einigermassen sehen lassen. Er bestand zwar im Wesentlichen auch nur aus einer trockenen Wiese, war aber mit einem dazugehörigen Duschhaus ausgestattet. Um unser Glück komplett zu machen, gab es sogar einen Türken der ganz gut deutsch sprach und sich sofort unserer annahm. Nachdem wir den Staub mehrerer Tage dank der Duschen losgeworden waren, lud uns der deutschkundige, angebliche Student in ein Restaurant zu Bier und Racki ein, wozu er uns natürlich nicht zweimal auffordern musste. Allerdings unterliess er es uns vorher mitzuteilen, dass wir alles bezahlen mussten.


Gerade angekommen

Unser türkischer Freund bestellte eine Runde nach der anderen, hielt sich aber selbst beim Raki deutlich zurück. Warum, wurde uns schnell klar als er zu fortgeschrittener Stunde auf unser Tonbandgerät zu sprechen kam, das zwar schon etwas verkratzt aber immer noch ein technisches High Light war. Da wir jetzt Freunde wären, sollten wir ihm den Gefallen tun und es ihm verkaufen meinte er und wartete gleich mit einem entsprechendem Angebot auf. Hundert Mark, natürlich in Lira, wäre er bereit dafür zu zahlen, was unter Freunden mehr asl grosszügig wäre. Offensichtlich hatte der Gute unsere Trinkfestigkeit und meine Angst vor meinem Vater, dem das Gerät gehörte, gründlich unterschätzt. Als wir ihn auslachten spielte er zuerst den Beleidigten, machte aber nach weiteren Runden wieder ein freundlicheres Gesicht. Das ein Jahr alte Gerät hatte immerhin rund fünhundert Mark gekostet und einen Differenzbetrag von vierhundert Mark war uns die deutsch türkische Freundschaft nun doch nicht wert. Als wir dann, trotz seiner Einladung, auch noch für ihn mitbezahlen durften, wurde uns deutlich mit wem wir es zu tun hatten. Wir machten ihm höflich aber bestimmt klar, dass er uns zukünftig mit Einladungen und Kaufangeboten solcher Art zu verschonen habe, wenn er weiter unser Freund sein wollte. Auch wenn wir seinen Plan vereiteln konnten, die zahlreichen Rakis hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.




Wie gewöhnlich, gab es natürlich besondere Härtefälle



einschliesslich der unvermeidlichen Schadenfrohen


 
Nach einem aus Spiegeleiern bestehendem Frühstück ging´s aber selbst dem Angeschlagensten unter uns wieder besser und Istanbul wartete darauf  erkundet zu werden. Mit dem Taxi, das nur einen Bruchteil des üblichen deutschen Preises kostete, ging es in die Innenstadt der geschichtsträchtigen Metropole und dann zu Fuss weiter. Zu sehen gab es unendlich viel, so das wir gar nicht so recht wussten wo wir anfangen sollten.



Der berüchtigte Puddingshop, in dem man angeblich alle möglichen Sorten Rauschgift zu einem Spottpreis beziehen konnte, hätte natürlich Priorität gehabt, aber das was so über die türkischen Gefängnissen berichtet wurde, liess uns lieber darauf  verzichten. Es gab ja schliesslich auch noch andere Sehenswürdigkeiten. Zu diesem Zeitpunkt wohl die einzigen Kurzhosenträger der gesamten Türkei, erregten wir natürlich entsprechendes Aufsehen.



 Die blaue Moschee, ...



... die Hagia Sophia, eine Kirche die in eine Moschee umgewandelt wurde.



Die blaue Moschee von innen



Offenbar waren die Türken von unserem Outfit zu überrascht, um uns den Besuch ihrer Moscheen zu verbieten. Heutzutage würde man für eine solche Blasphemie wahrscheinlich öffentlich gesteinigt. Die Steine in dem in der Hagia Sophia befindlichen Stuhl (oben) sind vermutlich keine Glasianten.



Brücke über das goldene Horn



Eine typische Verkaufsstrasse





Bei unserer ersten Tour durch Istanbul erwies sich unser türkischer "Freund" vom Campingplatz (rechts) noch als ganz nützlich, bei allen weiteren verzichteten wir auf ihn.



Ein Stück der ehemals mächtigen Stadtmauer. Gegen die Türken hat das Ding den damaligen Konstantinoplern allerdings (schade eigentlich) nicht viel genützt.



Allerdings war Istanbul nicht überall interessant und schön, einige Viertel liessen beinahe schon heimatliche Gefühle aufkommen.



Enge, verwinkelte Gassen, deren Bewohner, jedenfalls wenn man von den Gerüchen ausging, offenbar ihre Fäkalien noch wie im Mittelalter aus dem Fenster entsorgten.



 
Eine tolle Möglichkeit sich Istanbul von oben anzuschauen bietet dieser Turm, dessen Namen oder Bezeichnung ich leider vergessen habe.



Neben dem Turm-Eingang



Oben in der Spitze befindet sich ein kleines Restaurant, von dem man eine herrliche Aussicht über Istanbul hat.



Die Aussicht



Noch mehr Aussicht


 
Ganz viel Aussicht.



Damals hätten wir es nicht für möglich gehalten, dass es heute in einigen deutschen Städten einmal so ähnlich aussehen würde.

Wir erliefen uns Istanbul und kamen so an Stellen die den meisten Touristen (damals gab´s kaum welche) wohl verborgen geblieben sein dürften. Als wir einmal abends unterwegs waren und zum Xten mal eine der vielen aufwärts führenden Strassen erklommen, stach uns ein penetranter Geruch in die Nase der uns allerdings ziemlich bekannt vorkam. Um es deutlich zu sagen: Es stank nach Pisse! Nicht so wie wir es von den Gassen Istanbuls schon gewöhnt waren, sondern einfach atemberaubend. Als wir genauer hinsahen, machten wir eine Art Rinnsal aus, das am Strassenrand nach unten floss und nicht zu versiegen schien. Ob eine Abwasserleitung geplatzt war? Aber dann hätte es auch noch nach anderen Exkrementen riechen müssen, was aber eindeutig nicht der Fall war. Allerdings reichte der Gestank auch so aus, um uns die Tränen in die Augen zu treiben. Tapfer gingen wir weiter aufwärts und wurden für unsere Mühe mit einem Anblick belohnt, der ebenso faszinierend wie unglaublich war. Dutzende Männer standen mitten auf der Strasse und pinkelten, ohne sich um ihre zahlreich anwesenden Geschlechtgenossen zu kümmern auf´s Pflaster, dessen ungleichmässige Wölbung den Urin zu einer Seite laufen und dem einem kleinen Bach anschwellen liess, der dann abwärts floss. Was war hier los? Ein erster Rundumblick brachte keine Aufklärung. Der etwa hundert Meter breite Platz war voller Männer, die in mehreren Warteschlangen geduldig auf etwas zu warten schienen. Ein Murren ging durch die Reihen als wir uns an ihnen vorbei nach vorne drängten um das Ziel ihres Interesses zu erspähen. Einige ziemlich verwegen aussehende Gestalten in groben Felljacken führten sogar Schafe und Ziegen mit sich, die sie wie Hunde an der Leine führten. Als wir endlich ans vordere Ende der Schlange kamen verschlug es uns fast die Sprache. Mehrere stark schwitzende Frauen, ohne Ausnahme splitternackt und reichlich fett, standen oder sassen in einem ladenähnlichen Verschlag hinter grossen geöffneten Fenstern und schienen die Pause, die sie sich offenbar gerade gönnten, bitter nötig zu haben. Von was war uns schnell klar, als wir das Preisschild an der Wand ihres Entspannungsraums sahen. 10 Lira stand darauf, was ziemlich genau 3 DM entsprach und anscheinend der Einheitspreis für jedes dieser Schwergewichte war. Marktgerecht war er wohl, denn ihre anscheinend fleissig arbeitenden Kolleginnen konnten sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Im Eingang des Gebäudes herrschte nicht nur ein reger Durchgangsverkehr sondern auch reichlich Gedränge. Nachdem wir uns vom ersten Schock erholt und uns das ausschliesslich aus Wuchtbrummen bestehende Angebot genauer unter die Lupe genommen hatten, suchten wir schaudernd das Weite. Die anschliessende Diskussion, ob die dort gesehenen Schafe und Ziegen Zahlungsmittel, oder selbst als Kunden der Damen vorgesehen waren blieb ohne Ergebnis. Langsam wurde es Zeit, dass wir unseren Istanbul Aufenthalt beendeten, denn wir hatten uns ja noch den asiatischen Teil der Türkei vorgenommen, der immerhin 90% des Landes ausmachte. Mit Ausnahme von Wolfgang, legte sich jeder von uns im Bazar eine ungegerbte Schafffelljacke zu, die zwar bestialisch stank, aber unsere zu Hause gebliebenen Freundinnen und Freunde bestimmt vor Neid erblassen lassen würde. Natürlich machte es die grosse Hitze unmöglich sie zu tragen, aber das nahmen wir wegen des zu erwartenden späteren Ruhms gerne in Kauf. Bevor wir nach Asien aufbrachen verpassten wir unserer "Möhre" noch mit Ölkreide ein neues Outfit, dass aus der Reiseroute, einem duisburger Wappen, einer sich im Bikini räkelnden Blondine, unseren Unterschriften und mehr oder weniger dummen Sprüchen bestand.









Mit einer Mischung aus Erleichterung und Wehmut verabschiedeten wir uns von Istanbul, das trotz einigem Gewöhnungsbedürftigen schon eine tolle Stadt war. Da die Brücke über den Bosperus damals noch nicht existierte, schifften wir uns auf einer der Fähren ein, die uns in einer etwa halbstündigen Überfahrt endlich nach Asien bringen würde.



Eine der Bosperus Fähren.



Auf dem Weg nach Asien.



Der Bosperus mit asiatischer Küste.

Auf der Fähre lernten wir ein achtzehnjähriges türkisches Mädchen kennen, dass nicht nur hervorragend englisch sprach sondern auch noch wahnsinnig gut aussah. Leider war sie auf dem Weg zu ihrem Bräutigam, was jeden Annäherungsversuch unsererseits zwecklos erscheinen liess. Das es sich bei ihrem künftigen Gemahl um ihren eigenen Onkel handelte, der irgendwo drüben in Anatolien lebte, wollten wir kaum glauben. Sie hatte ihn bisher nur einmal gesehen und machte uns gegenüber kein Geheimnis daraus, wie unglücklich sie über die Entscheidung ihrer Eltern war. Einen Moment überlegten wir ernsthaft, ob wir sie nicht im Bus verstecken sollten, doch als die zu ihrer Bewachung mitgereisten Brüder plötzlich wieder auftauchten, hatte sich die Sache natürlich erledigt. Den eigenen Onkel zu heiraten war doch bekanntlich Inzucht, vielleicht erklärte dies das etwas seltsame Aussehen so mancher Türken. In Asien angekommen ging´s weiter in Richtung Osten, allerdings nicht allzu lange, denn um nicht einen riesigen Umweg machen zu müssen machten wir eine weitere Fährfahrt über das Marmarameer die uns fast bis zum Hellespont brachte. Hier waren wir auf äusserst geschichtsträchtigem Boden. Troja, Pergamon und Ephesus waren nicht weit und zumindest einem dieser berühmten Orte wollten wir die Ehre eines Besuchs erweisen. Von Bandirma über Balikesir ging es hinunter nach Izmir, wo anscheinend gerade der Teufel los war.



Ein Zerstörergeschwader der 6. US Flotte hatte im dortigen Hafen festgemacht, was anscheinend vielen Türken nicht passte. Obwohl das gesamte Hafengebiet abgeriegelt war, versuchten die Demonstranten gewaltsam bis zu den Schiffen durchzubrechen, was die massenhaft anwesende Polizei natürlich zu verhindern versuchte. Plötzlich befanden wir uns mitten im dicksten Trubel und wurden zu allem Überfluss auch noch für Amerikaner gehalten. Nachdem wir schon einige Tritte und Schläge kassiert hatten, versuchten wir Alman, Alman schreiend, den wütenden Demonstranten deutlich zu machen das wir Deutsche waren, was aber nur unzureichend gelang. Bestimmt wären wir im Krankenhaus gelandet, wenn sich nicht ein paar besonnenere Türken zwischen uns und die wütende Menge gestellt hätten. Nachdem sie ihren Landsleuten den Sachverhalt klar gemacht hatten, wurde uns plötzlich von allen Seiten freundlich auf die Schulter geklopft und die deutsch-türkische Freundschaft beschworen. Man forderte uns sogar auf mit gegen die verdammten Kapitalisten-Amis loszulegen, wozu uns allerdings nicht der Sinn stand, denn dann hätten wir auch gleich zu Hause bleiben können. Vorsichtig setzten wir uns von der sich nur langsam beruhigenden Türkenmasse ab und atmeten erleichtert auf, als wir endlich wieder in unserem Bus sassen.









Von Izmir, das im Vergleich mit Istanbul, eine richtig moderne Stadt war, hatten wir erst mal genug und beschlossen in Ephesus unsere Geschichtskenntnisse auffrischen. Also nahmen wir Kurs auf den Ort, der in der Antike eine der bekanntesten Städte gewesen war. Vermutlich waren die Strassen damals besser gewesen, denn jetzt ähnelten sie eigentlich eher Schotterwegen, die den Stossdämpfern unserer "Möhre" so ziemlich das Letzte abverlangten. Die grosse Hitze machte uns zusätzlich zu schaffen und obwohl wir während der Fahrt Seitentüre und Heckklappe offen liessen, brachte die aufgeheizte Luft kaum Kühlung. Sobald man anhielt war erst recht alles vorbei und der Schweiss rann in Strömen. Die Gegend wurde immer felsiger und steiniger und bald war ausser ein paar dürren Sträuchern und Hecken von Vegetation nicht mehr viel zu sehen. Raststätten oder Lokale gab es am Weg keine, so das eine kalte Cola oder ein kühles Bier langsam zur Wahnvorstellung wurden. Unser Wasservorrat war mittlerweile aufgebraucht und wir fast so ausgetrocknet wie die Gegend als wir Ephesus erreichten. Zum Glück gab´s dort endlich das so lange vermisste Lokal, wo wir uns ziemlich fertig und geschlaucht auf die erste beste Bank fallen liessen.



Fertig mit der Welt.

Erst nach einem kühlen Bira (Bier), waren wir wieder in der Verfassung uns das "olle Trümmerfeld" (Originalton Arthur) anzusehen.



Ein Teil des Tempels der Arthemis



Das Amphietheater



Die früher zum Meer führende Strasse, das heute einige Kilometer entfernt ist. Schon toll, wenn man daran denkt, dass hier früher mal Caesar, Cleopatra, Antonius und eine Menge andere antike Berühmtheiten und vielleicht sogar mein Herox herumspaziert sind.



Das "Trümmerfeld" war wirklich interessant, auch wenn uns die vor Hitze flimmernde Luft manchmal den Atem raubte.



Ziemlich beeindruckt hat uns, dass es damals in dem nur rund 30000 Einwohner zählenden Ephesus über 50 Bordelle gab, in denen hoffentlich keine istanbuler Verhältnisse herrschten.

Nach so viel Bildungstourismus, füllten wir unsere Wasserflaschen an dem Wasserhahn der Toilette des Lokals auf und verbrachten den restlichen Tag am Meer, dessen wunderschöner Strand damals noch völlig Hotel- und menschenleer war. Da unsere Brotvorräte völlig aufgebraucht waren, mussten wir entweder bis zum nächsten Tag hungern oder uns nach essbaren Alternativen umzusehen. Unsere selbsternannte Überlebensspezialisten machten sich umgehend an die Arbeit.







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