Fortsetzung von Nix Komfort 1

Selbst die exotischsten Meeresfrüchte wurden nicht verschmäht.

Nachdem wir uns mit Igelfleisch gestärkt und ausgeruht hatten, ging es am nächsten Morgen weiter. Allerdings ohne den sonst vorher üblichen Kaffee, was für unsere Kaffeabhängigen eine kaum zumutbare Härte war.

Einige machten sich ganz andere Gedanken.

Je weiter wir ins Landesinnere vordrangen um so schlechter wurden die Strassen. Bald schien der Weg nur noch aus Schlaglöchern zu bestehen. Mit der geballten Kraft von 30 PS kämpfte sich unsere "Möhre" weiter vorwärts und wenn sie manchmal einfach nicht mehr weiter konnte waren wir ja auch noch da. Ausgetrocknete Felder wechselten sich mit bizarren Felslandschaften ab, die scheinbar unbewohnt waren. Wenn man dann doch mal auf Menschen traf, sassen die meistens auf dem damals in Anatolien gebräuchlichsten Transportmittel, ...



 

... oder standen schwitzend auf völlig ausgedörrten Feldern herum. Das Land schien nicht nur menschenleer, sondern auch unendlich gross zu sein. Vermutlich kam dieser Eindruck auch wegen der schlechten Strassen auf, auf denen man nur langsam voran kam und 30 km leicht zu einem Stundentripp werden lassen konnten. Jedes mal, wenn wir in einem der kleinen Orte anhielten, lief sofort die gesamte Dorfbevölkerung zusammen und bestaunte uns wie Tiere im Zoo. Zu kaufen gab´s in den zumeist nur aus wenigen Hütten bestehenden Ortschaften kaum etwas. Ausser den üblichen Fladenbroten und Eiern war nichts aufzutreiben und elektrischer Strom schien ebenfalls noch ein Fremdwort für diese Menschen zu sein. So altertümlich und zurückgeblieben hatten wir uns die Türkei eigentlich nicht vorgestellt. Unfreundlich waren die Anatolier zwar nicht, zeigten aber Verhaltensweisen, an die man sich erst gewöhnen musste. Wie angenagelt hingen ihre Augen an unseren Gesichtern und wenn wir ihren bohrenden Blicken entnervt zu entkommen versuchten und uns abwandten, verfolgten sie uns so lange bis der Blickkontakt wieder hergestellt war. Verglichen mit sich selbst, mussten sie uns für steinreich halten, wovon sich einige von ihnen scheinbar genauer überzeugen wollten. Wenn wir in einem Ort anhielten um Brot und Eier zu kaufen, liessen wir üblicherweise einen von uns am Bus als Bewachung zurück. Das reichte für gewöhnlich um allzu neugierige Einheimische fernzuhalten, doch einmal eben nicht. Ohne Arthur, der als Wächter eingeteilt war, eines Blickes zu würdigen kletterten einige Männer plötzlich auf´s Busdach und begannen die Halteseile unseres dort befindlichen Gepäcks durchzuschneiden. Die verbalen Versuche Arthurs sie davon abzuhalten wurden einfach ignoriert. Zum Glück kamen wir rechtzeitig genug zurück um die Diebe zu verscheuchen, sonst hätten wir uns wohl von einem grossen Teil unseres Gepäcks verabschieden können. Ohne unsere grossen Fahrtenmesser, die wir offen am Gürtel trugen, hätte dies vermutlich nicht so gut geklappt. Davor schienen die Anatolier wirklich Respekt zu haben, denn jedes mal wenn wir in ein Dorf kamen, blieben die bewundernden Blicke der männlichen Dorfbewohner zuerst an unseren Messer hängen. Vor allem Wolfgang mit seinem riesigen Bajonett, das noch aus dem ersten Weltkrieg stammte, hatte es ihnen angetan. Allen Aufforderungen, das Ding mal aus der Scheide zu ziehen, erteilte er allerdings regelmässig eine barsche Absage, was die Türken zwar ärgerte, aber wegen des strikten Tons anscheinend auch irgendwie beeindrucke. Hätten sie gewusst, das die Klinge von Wolfgangs altertümlichen Mordinstrument fast nur noch aus Rost bestand, wären sie bestimmt nicht so ehrfürchtig gewesen.

Irgendwo in Anatolien mit Einheimischen, der uns voller Stolz seine Sonnenbrille präsentierte.

Langsam fing das dauernde auf und ab an zu nerven.

Eine Sache haben wir nie gerafft. Wenn wir uns abends in irgendeiner Steinwüste, in der weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, schlafen legten und morgens wach wurden, waren wir regelmässig von einer dichten Menschenschar umgeben. Woher diese uns wie das achte Weltwunder anstarrende Menge kam blieb ein Rätsel. Das nächste Dorf war meistens meilenweit entfernt. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns damit abzufinden. Einmal hielten wir in einem Ort, in dem gerade so etwas wie ein Jahrmarkt stattfand. Einer der Dorfbewohner konnte sogar ein wenig Deutsch, was ihm bei seinen darüber staunenden Landsleuten bestimmt ein besseres Image verschafft haben dürfte. Er lud uns sofort ein ihr Dorffest zu besuchen und natürlich taten wir ihm den Gefallen. So ähnlich musste es wohl bei uns im Mittelalter zugegangen sein. Man konnte süsses Gebäck erstehen, Holzreifen um Steine werfen oder Steine in Krüge, damit waren die Möglichkeiten der Dorfbewohner offenbar ausgereizt. Weil wir diese einfachen Menschen nicht brüskieren wollten, taten wir so als würden wir uns köstlich amüsieren, was ihnen auch sichtlich zu gefallen schien. Wahrscheinlich war das bißchen Gebäck, das sie aufgefahren hatten für sie das Grösste und der Höhepunkt des Jahres.

Wenn wir uns abends schlafen legten, ...

... war dies der übliche morgendliche Anblick.

Antike Überbleibsel finden sich überall in Anatolien und wurden von unseren "Apoll" Verschnitten gerne genutzt.



Leider forderten die völlig unzureichenden Strassen ihren Tribut. Ein vorsorglicher Blick unter unseren Bus machte dies deutlich. Einer der beiden Längsträger war gebrochen und liess Böses befürchten. Noch hielt der andere, aber wie lange noch? Sollte er ebenfalls brechen würde dass das sofortige Ende unserer Reise bedeuten. Das diese Ecke von Anatolien der schlechteste Ort war um liegenzubleiben, daran hatte keiner von uns einen Zweifel. Auch wenn es nicht ganz bis Ankera gereicht hatte, wir waren weit gekommen. Einfach weiter zu fahren wäre jedenfalls Wahnsinn gewesen. Vorsichtig drehten wir um und machten uns auf den Weg zur Küste, wo wir den Schaden hoffentlich beheben, das heisst schweissen konnten. Natürlich wurde die "Möhre"  jetzt wie ein rohes Ei behandelt. Jedes Schlagloch wurde möglichst gemieden, was natürlich nicht möglich war, wenn der Weg aus nichts anderem bestand. Jederzeit mit dem Schlimmsten rechnend krochen wir langsam der Küste entgegen und zuckten jedes mal zusammen wenn wieder mal ein Stein gegen das Fahrgestell krachte. Immerhin, der andere Träger schien zu halten, wie unsere in regelmässigen intervallen erfolgten Kontrollen zeigten. Ob wir es damit vielleicht sogar bis nach Hause schafften? Dieser Gedanke wurde angesichts der noch vor uns liegenden türkischen Strasse aber gleich wieder verworfen. Geschweisst werden musste der Träger auf jeden Fall. Fragte sich nur wo? In der Grossstadt Izmir gab es bestimmt Werkstätten, die so etwas machen konnten, aber die waren bestimmt ziemlich teuer. In einem kleineren Ort würden die Preise wahrscheinlich erheblich günstiger sein. Wir beschlossen bis Cesme durchzufahren, das die richtige Grösse zu haben schien und sich 60 km hinter Izmir direkt an der Küste befand.



 Blick auf Cesme

Unsere "Möhre" schaffte es bis Cesme und eine kleine Werkstatt gab´s dort wie erhofft auch, doch der Besitzer schien von einer Reparatur unseres Gefährts nicht viel zu halten. Wir könnten uns die rund 800 km durch die Türkei ersparen und von Chios aus mit der Fähre nach Piräus übersetzen, schlug er stattdessen vor. Hinsichtlich der Reparatur machte er uns jedenfalls wenig Hoffnung. Eine Schweissnaht würde der Belastung nicht lange stand halten prophezeite der Fachmann. Daran hatten wir auch schon gedacht und fragten ihn, welche Möglichkeiten es denn gebe nach Chios zu kommen. Das wäre natürlich, wegen der angespannten Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland ein Problem meinte er schulterzuckend, denn eine Fährverbindung rüber zur Insel gäbe es nicht. Etwas verärgert fragten wir ihn, was dann sein Vorschlag sollte als er plötzlich ein breites Grinsen aufsetzte. Sein Bruder könnte uns mit seinem umgebauten Fischerboot hinüberbringen, sagte er und deutete auf den nahen Hafen, wo das besagte Boot läge. Auch wenn wir dem Kerl nicht recht trauten, dass was er sagte klang sehr verlockend. Die griechischen Strassen waren, jedenfalls im Vergleich mit den türkischen Schotterpisten, hervorragend und dürften unserer "Möhre", selbst mit einem noch intakten Träger, keine grösseren Probleme bereiten. In dem Schneckentempo mit dem wir jetzt über die türkischen Schlaglöcher fahren mussten, würden wir garantiert mehrere Tage bis Istanbul brauchen und zudem auch noch zweimal mit Fähren übersetzen müssen. Als er uns den Preis für die Überfahrt nannte, bekamen wir allerdings einen Schock. Sechshundert Mark sollten die vielleicht 15 km bis zur Insel kosten, was ein Vielfaches von dem war, was wir bisher für Fähren bezahlt hatten. Ein Kassensturz förderte noch rund 1200 DM zu Tage, von denen also die Hälfte an diesen Halsabschneider gehen sollten. Andererseits, was war die Alternative? Würde der andere Längsträger auch noch brechen, was angesichts der Strecke alles andere als unwahrscheinlich war, könnten wir einpacken und müssten auf die Hilfe der deutschen Botschaft hoffen, die sich allerdings weit weg in Ankara befand. Einigermassen frustriert gingen wir zum Hafen und sahen uns das dort liegende zu einer Art Ausflugsboot umfunktionierte Fischerboot an, das gerade mal 12 Meter lang war und nicht gerade vertrauenerweckend aussah. Sehnsüchtig blickten wir zu der grossen Insel hinüber, die zum Greifen nahe schien, aber deren Besuch sich eventuell als zu kostspielig für uns erweisen konnte. Die Überfahrt von Chios nach Piräus würde ja bestimmt auch nicht umsonst sein. Bevor wir eine Entscheidung trafen, musste dieses Problem also auf jeden Fall noch geklärt werden. Wir gingen zur Werkstatt zurück und fragten den Besitzer einfach danach. Erstaunlicherweise schien der sich bestens auszukennen. Von Chios ginge täglich eine Fähre nach Piräus für die wir, inklusive Bus, 220 DM bezahlen müssten. Auf unsere Frage woher er das so genau wüsste, verwies er auf einen Kontaktmann auf der Insel, mit dem er ständig in Kontakt stehe und schon lange zusammenarbeiten würde. 220 DM klangen nicht schlecht. Dann blieben uns noch rund fünfhundert Mark für die Heimfahrt, was mehr als ausreichend war und sogar noch einen mehrtägigen Aufenthalt in Athen möglich machte. Als es uns nach zähen Verhandlungen auch noch gelang den Türken auf fünfhundert Mark herunterzuhandeln war klar, dass wir die Abkürzung über Chios nehmen würden. Der offenbar ebenfalls mit dem Ergebnis zufriedene Werkstattbesitzer, versprach umgehend seinen Bruder zu verständigen, damit wir so bald wie möglich übersetzen könnten. Jetzt schien doch alles gut zu laufen. Darüber, dass die ganze Aktion eigentlich illegal war, weil wir ja ohne Zollkontrolle nach Griechenland einreisten, machten wir uns keine Gedanken. Diese Typen würden schon wissen was sie taten und bestimmt nicht riskieren in einem griechischen Gefängnis zu landen. Ausserdem klang das Ganze nach Abenteuer und um die zu erleben waren wir ja eigentlich überhaupt losgefahren. Schon am nächsten Tag sollte es hinüber zur Insel gehen. Vorher bekamen wir noch den Bruder des Werkstattbesitzers vorgestellt, der uns in einem fürchterlichen Kauderwelsch aus Deutsch, Türkisch und Englisch klarzumachen versuchte wie sich die Sache abspielen sollte. Wir würden in der Abenddämmerung an einer einsamen Bucht abgesetzt und dort von dem Kontaktmann übernommen, mit dem wir dann nur noch zum Hafen fahren und dort einschecken müssten um am nächsten Tag zum griechischen Festland übersetzen zu können. Das Ganze hörte sich nicht gerade aufregend an und schien für die Beiden offenbar Routine zu sein. Gut gelaunt beschlossen wir die verbleibende Zeit zu nutzen um uns Cesme und Umgebung etwas näher anzusehen. Der kleine Ort verfügte sogar über eine alte Küstenfestung, deren altes Gemäuer zu Kletterübungen einlud, die sich wegen der Hitze allerdings als ziemlich schweisstreibend herausstellten.



Die Bucht von Cesme, mit der alten Festung im Vordergrund. Im Hintergrund ist etwas verschwommen die Insel Chios zu sehen.



Der Turm des alten Gemäuers erwies sich als hervorragende Ausgucksplattform.



Wir inspizieren unsere "Ertürk".



Es geht los. Unter der Aufsicht des Dorfpolizisten wird unsere "Möhre" neben den R4 der Franzosen bugsiert.

Der nächste Tag begann mit einer Überraschung. Wir würden nicht die einzigen Passagiere dieser Nacht- und Nebel Aktion sein. Unser Fährmann stellte uns ein französisches Pärchen vor, dass mit einem Renault R4 mit von der Partie war. Was uns nicht weiter störte, denn die Beiden waren uns auf Anhieb symphatisch. Sie waren von den türkischen Verhältnissen anscheinend so entnervt, dass sie das Land so schnell wie möglich verlassen wollten. Auch wenn ihre offen zur Schau gestellte Türkenphobie etwas übertrieben schien, mussten wir ihnen doch zumindest in einem Punkt recht geben. Die gutaussehende, dunkelblonde Frau war wohl ständig von türkischen Männern, wegen ihrer angeblich zu freizügigen Kleidung angeranzt worden und konnte diese ewigen Beschimpfungen einfach nicht mehr ertragen.
Dass wir mit unseren kurzen Hosen einfach so in die Moscheen spaziert waren, wollten uns die Beiden kaum glauben. Über unseren nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, sich beim nächsten Türkei-Besuch ebenfalls grosse Messer umzuschnallen, konnten die beiden Frustrierten allerdings nicht so recht lachen. Die Chance, dass Sie der Türkei noch einmal einen Besuch abstatten würden tendiere gegen Null, versicherten die Beiden. Bevor es am Abend losging, kauften wir im Ort noch etwas Obst und Brot ein und gammelten anschliessend untätig am Strand herum, der wie damals in der Türkei üblich völlig menschenleer war. Gegen Sieben fuhren wir unsere "Möhre" wie vereinbart zum Kai, wo das französische Päarchen samt ihrem Renault R4 und einigen neugierigen Türken ebenfalls schon versammelt war. Mit halbstündiger Verspätung tauchten der Werkstattbesitzer und sein Bruder auch noch auf und es konnte endlich losgehen. Mit Hilfe der anwesenden Zuschauer wurden unsere beiden Gefährte auf das Boot geschoben, das anschliessend ein erhebliches Stück tiefer im Wasser lag. Unsere "Möhre" war für den Kahn etwas zu lang geraten und lugte mit ihrem Vorder- und Hinterteil ein ordentliches Stück über die Reling, was den mit einer schmierigen Kapitänsmütze behüteten Bootsbesitzer aber nicht sonderlich zu stören schien. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt als wir ablegten und der Kahn mit tuckerndem Motor Kurs auf Chios nahm. Trotz aller Aufregung, freuten wir uns auf die Insel, deren Besuch ja eigentlich in unserer ursprünglichen Reiseplanung nicht vorgesehen war. Das Meer war ruhig und die Ertürk schneller als sie aussah, trotzdem schien die Insel kaum näher zu kommen. Offensichtlich war sie doch weiter entfernt als wir geglaubt hatten. Natürlich wurmte es uns, dass wir für dieses relativ kurze Stück fünfhundert Mark zahlen mussten, was ja immerhin einem halben deutschen Durchschnittseinkommen entsprach. Daran, wie viele Monate ein Türke dafür arbeiten musste, wollten wir erst gar nicht denken. Den Franzosen, die übrigens beide von Beruf Lehrer waren, hatten die geschäftstüchtigen Brüder rund 400 Mark abgeknöpft, was angesichts der nur zwei Personen und dem erheblich kleineren Renault, eigentlich ein noch unverschämterer Preis als der unsere war. Aus Ulk, aber auch um unseren Ausbeutern eins auszuwischen, stopften wir unseren gesamten Weintraubenvorrat in das grosse Signalhorn neben der Kajüte. Die beiden würden ganz schön dumm schauen, wenn sie auf dessen Auslöseknopf drückten. Nach etwa einstündiger Fahrt nahm die Insel endlich doch den gesamten Horizont vor uns ein, was darauf hindeutete, dass der Moment der Anlandung nicht mehr fern sein konnte. Unsere türkischen Sindbade steuerten das Boot in weitem Bogen nach links und und folgten immer respektvoll Abstand haltend dem Uferverlauf. Als sie nach 20 Minuten den Motor abrupt drosselten, lag ein kleiner Sandstrand vor uns, der im Halbdunkel der Dämmerung aus der dunkleren Felskulisse des Ufers hervorschimmerte. Er schien offenbar unser Ziel zu sein. Obwohl wir schon nicht mehr damit gerechnet hatten, tat uns einer der Türken jetzt doch noch den Gefallen und drückte auf den Auslöseknpf für das Signalhorn. Sein Tuten sollte vermutlich dem griechischen Kumpel auf der Insel unsere Ankunft ankündigen. Die beiden Türken schauten sich irritiert an, drückten weiter vergeblich auf den Knopf und staunten wohl über unsere grinsenden Gesichter. Nach etlichen, vergeblichen Versuchen gelang es der Pressluft schliesslich doch noch unseren Traubenpropfen, inklusive eines etwas verunglückten Tons, nach draussen zu befördern. Die hasserfüllten Blicke unsere Skipper machten deutlich, dass sie wussten wer die Verantwortlichen waren, was wir aber nur mit Lachen kommentierten. Anschliessend schauten wir den die Beleidigten spielenden dabei zu, wie sie den Kahn vorsichtig näher an den Strand bugsierten. Mittlerweile war auch der schon vermutete griechische Kontaktmann hinter einem Felsen aufgetaucht und zeigte per Handzeichen an, wo die Türken das Boot auf den Strand setzen sollten. Nach erfolgter Aktion warf der Werkstattbesitzer dem im Wasser stehenden Griechen Taue zu, die dieser sofort an Land zog und an zwei dort vorhandene im Sand steckende Pflöcke festmachte. Nachdem wir und die Franzosen vom Kahn gehüpft waren, bat der Grieche uns Passagiere ihm dabei zu helfen zwei dicke Bretter auf die Bordwand der Ertürk zu hieven, was wir natürlich gerne machten. Über sie wurden unsere beiden Gefährte auf den Strand gerollt, was sich zwar als eine verdammt wacklige Angelegenheit herausstellte, aber doch relativ schnell bewältigt wurde. Anschliessend schafften wir, in deutsch französischer Allianz, unseren Bus und den Renault eine Böschung hinauf, hinter der sich eine Strasse befand die angeblich direkt zum Hafen führte. Wäre uns damals schon klar gewesen was uns dort erwartete, hätte die Ertürk bestimmt nicht so problemlos abgelegt. Vermutlich läge sie jetzt, einschliesslich der von Fischen abgenagten Skelette ihrer Betreiber, von Muscheln überwuchert auf dem Grund der Bucht und würde den heutigen Hobbytauchern als willkommenes Erkundungsobjekt dienen. So aber winkten wir Unwissenden den beiden Türken, die uns lachend etwas Unverständliches in ihrer Sprache herüberriefen, noch freundlich zu als sie ablegten. "Dann seht mal zu wie ihr Idioten klar kommt", oder so ähnlich wird die deutsche Übersetzung wohl gelautet haben. Während sie mit Vollgas und sich angesichts unserer Dummheit garantiert auf die Schenkeln klopfend, dem türkischen Festland zustrebten, fuhren ihre noch frohgemuten Opfer in die von dem Griechen angegebene Richtung. Obwohl wir ihn einluden mit zum Hafen zu fahren, hatte er darauf verzichtet und war stattdessen plötzlich zwischen den Felsen verschwunden. Nach ca. 20 minütiger Fahrt erreichte unsere Zweier Kolonne den Hafen, wo es ausser ein paar dort festgemachten Fischerbooten allerdings nicht viel zu sehen gab. Der dazugehörige Ort hatte zum Glück mehr zu bieten. Immerhin gab es dort einen Marktplatz mit mehreren umliegenden Freiluft-Lokalen, wo man Platznehmen und bei einem Bier oder Kaffee dem geschäftigem Treiben der Inselbewohnern zusehen konnte. Davon hatten wir seit Wochen geträumt. Unsere netten Franzosen verabschiedeten sich, weil sie sich noch eine Bleibe für die Nacht suchen mussten, von uns und verschwanden anschliessend auf Nimmerwiedersehen in einer der Gassen der kleinen Stadt. Da wir abzüglich der 220 Mark für die Fähre noch über den stolzen Betrag von rund 400 Mark verfügten, liessen wir es uns gut gehen. Wir bestellten ein komplettes Menue für jeden von uns, inklusive griechischem Landwein, der uns nach der langen Abstinenz mindestens so gut wie ein Rothschild schmeckte. Das Essen mundete uns ebenso hervorragend und als wir uns satt und zufrieden, etwas ausserhalb des Ortes, unter freiem Himmel schlafen legten, schien die Welt beinahe ein Paradies zu sein. Leider nur bis zum Morgen, der mit einer bösen Überraschung aufwartete. Die Überfahrt nach Piräus kostete nicht 220 sondern 420 Mark, was uns unser verbleibendes Guthaben, Dank der Ausgaben für den gelungenen Abend, auf gerade mal 150 Mark zusammenschmelzen liess. Das reichte vielleicht gerade mal für den Sprit bis nach Hause, aber kaum für mehr. Der unrasierte Typ mit den schwarzen Fingernägeln, der uns grinsend diese unerfreuliche Tatsache mitteilte, konnte noch mit einer weiteren interessanten Neuigkeit aufwarten. Die Fähre die morgen käme, wäre eigentlich keine richtige Autofähre, weshalb unser Bus garantiert nicht durch die niedrige Ladepforte passen würde. Ohne viel Umschweife machte er uns klar, dass wir auf seine speziellen Kontakte angewiesen wären, wenn wir die Insel gemeinsam mit unserem Bus verlassen wollten. Was natürlich nicht ganz kostenlos sein könnte, versteht sich. Einen Preis nannte er allerdings nicht, sondern empfahl uns in Ruhe überlegen was uns seine Dienste wert seien. Allerdings könnten wir auch auf die grosse Autfähre warten, die allerdings erst in einer Woche Chios anliefe. Von der von den Türken versprochenen täglichen Auto-Fährverbindung konnte also keine Rede sein. Obwohl wir den beiden Betrügern auf dem Festland die Pest an den Hals wünschten, mussten wir uns doch eingestehen unglaublich naiv gewesen zu sein. Wieso hatten wir diesen Halsabschneidern geglaubt? Er habe jetzt keine Zeit mehr, brach unser neuer griechischer Ausbeuter das Gespräch ab, nahm eine Schirmmütze aus dem Regal auf deren Schirmband Posta stand, schnappte sich einen halbgefüllten Sack und schob uns durch die Türe seines winzigen Büros nach draussen. Offenbar hatte der "Schmierige", wie die  Mützen mit den verschiedenen Aufschriften im Regal vermuten liessen mindestens vier Jobs. Das deren Entlohnung aber offenbar trotzdem nicht für den Kauf von genügend Seife reichte war schon erstaunlich. Wir unterdrückten unsere Wut und versprachen uns wieder bei ihm zu melden sobald wir die Sache mit seiner "Aufwandsentschädigung" geklärt hätten. Natürlich gab es eigentlich nichts zu beraten denn jeder Betrag über 50 Mark bedeutete unweigerlich, dass wir nicht mehr nach Hause kamen. Offenbar war jetzt die Situation da, die wir unbedingt hatten vermeiden wollen. Wir würden um Geld für die Rückreise betteln müssen. Darüber würden die Beamtenseelen der deutschen Botschaft in Athen bestimmt nicht begeistert sein, aber letztendlich wahrscheinlich doch das Geld herausrücken. Einerseits fühlten wir uns etwas erleichtert, uns zu dem Entschluss durchgerungen zu haben, andererseits betrachteten wir ihn als schwere Niederlage, die unsere gesamte Reise-Philosophie in Frage stellte. Immerhin hatten wir jetzt noch etwas Zeit die Insel zu erkunden. Chios war wirklich wunderschön. Die vielen Olivenhaine und Wälder gaben der Insel, trotz ihres  sonst ziemlich felsigen Ambientes, ein ziemlich grünes Aussehen, das uns manchmal sogar an zu Hause erinnerte.
Ein altertümlicher Brunnen auf Chios, der aber immer noch tadellos funktionierte.
Wahrscheinlich wurde bei den alten Griechen auch schon auf ähnliche Weise Wasser geschöpft.
Nachdem wir die Insel halb umrundet hatten, fuhren wir gegen Abend wieder zum Hafen um dem "Schmierigen" unser Angebot zu unterbreiten. Begeistert war er über die von uns in Aussicht gestellten 20 Mark gerade nicht, schien sich aber damit zufriedenzugeben. Allerdings müsse der Kapitän noch sein OK geben, was natürlich eine erheblich, grosszügigere Summe als 20 Mark erforderlich machte. Das hörte sich nicht gut an und liess Böses befürchten. Deshalb verzichteten wir lieber auf den geplanten Lebensmitteleinkauf und gaben uns mit dem noch vorhandenen Brot zufrieden, das allerdings nicht ganz ausreichte um unsere knurrenden Mägen ganz zum Schweigen zu bringen. Am nächsten Morgen setzten wir die Insel-Erkundung fort, fuhren aber diesmal ins Landesinnere, wo ausser den üblichen Oliven auch noch Wein angebaut wurde. Als wir späten Nachmittag zum Hafen zurückkamen war die Fähre nach Athen mittlerweile schon eingelaufen. Hoffnungsvoll fuhren wir mit dem Bus bis zu deren Ladepforte, die sich aber leider tatsächlich als ein ganzes Stück zu niedrig für unsere "Möhre" herausstellte. In der Hinsicht hatte der Schmierige also die Wahrheit gesagt. Also blieb uns nichts anderes übrig als ihn aufzusuchen. In seinem Büro war er nicht, lief aber mit einer Schirmmütze, die ihn als Angehörigen der Fährlinie auswies, auf dem Kai herum. Als er uns erblickte, kam er sofort auf uns zu und verkündete freudestrahlend, dass sein Kapitänfreund nur fünzig Mark für seine Zusage erwarte. Eine solche "Grosszügigkeit" hatten wir schon befürchtet und versuchten den Preis sofort herunterzuhandeln, doch der "Schmierige" blieb diesmal hart. Wir könnten ja ohne den Bus übersetzen, meinte er kalt und lehnte zudem unseren Wunsch den Kapitän persönlich zu kontaktieren strikt ab. Zähneknirschend, drückten wir ihm die abgemachten 70 DM in die schmutzigen Hände und warteten anschliessend darauf, dass er aus dem Schiff zurückkam. Nach etwa einer halben Stunde tauchte er wieder in der Ladeluke auf und deutete mit hochgestrecktem Daumen den Erfolg seiner Mission an. Mit stolzgeschwellter Brust verkündete er uns, dass der Bus mit Hilfe des Ladebaums auf´s Deck gehievt und dort neben den Autos der Schiffs-Offiziere platziert würde. Anscheinend bereiteten ein paar Matrosen schon die Aktion vor. Sie breiteten zwei mit Seilen am Ladebaum befstigte Netze auf dem Boden vor dem Schiff aus, auf die wir nur noch den Bus fahren mussten. Das anschliessende Hebemanöver, bei dem der Kranführer unsere "Möhre" gefühlvoll auf ein paar grosse Kisten auf dem Vorderdeck absetzte, verlief ohne Schwierigkeiten. Wir verzurrten sie noch etwas mit Seilen und machten uns danach erst mal daran das Schiff zu begutachten. Im Gegensatz zum ganz schmucken Äusseren wirkte das Innere ziemlich runtergekommen und wies etliche Roststellen auf.  

Problemlos wird unsere "Möhre" an Deck gehievt.

Das Schlimmste waren allerdings die Toiletten, die wie im Süden üblich, nur aus kreisrunden Löchern im Boden bestanden und eine entsprechende Zielgenauigkeit erforderten. Ihr beissender Gestank, trieb uns die Tränen in die Augen und erlaubte nur eine Verbleibdauer von wenigen Minuten, wenn man nicht vor Atemnot ins Koma fallen wollte. Im unteren Schiffsrumpf war anscheinend die gesamte Tierfauna der Insel versammelt. Neben Schafen und Ziegen waren sogar auch Kühe vertreten, deren fladenförmigen Hinterlassenschaften rundum den Boden sprenkelten. Wie es die anwesenden Besitzer der Tiere schafften, es in diesem glitschig, feuchten, beinahe sauerstofflosem Biotop auszuhalten wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Nach der Besichtigung stand jedenfalls für uns fest, dass wir die Überfahrt an der frischen Luft auf Deck verbringen würden.

Noch ahnt keiner welchen problematischen Inhalt die Kisten unter der "Möhre" haben.

In der Abenddämmerung machte die Fähre vom Pier los und nahm Kurs auf das ferne Piräus, wo wir nach rund 12 Stunden Fahrtzeit ankommen sollten. Während es sich unsere Freunde auf die "Möhre" herum auf dem Deck bequem machten, verzogen Rainer und ich uns ganz nach vorne, wo wir es uns direkt neben der Ankermaschine bequem machten. Es war eine herrlich klare Nacht, in der die Sterne zum Greifen nahe schienen und der frische Fahrtwind uns trotz lauwarmer Luft ausreichend Kühlung verschaffte. Direkt über dem Bug zu liegen war einfach toll. Jedes mal, wenn er wieder mal in ein Wellental sackte hoben wir beinahe vom Deck ab und fühlten uns für einen kurzen Moment schwerelos. Trotz des dauernden auf und abs, fielen wir bald in einen tiefen Schlaf und bekamen nichts von den zahlreichen kleinen Inseln mit, an denen vorbei unser Kurs führte. Sie gehörten zu den Kykladen wie uns ein vorheriger Blick in die Landkarte gezeigt hatte. Als ich wach wurde, ging die Sonne gerade über dem Meer auf und färbte den Himmel darüber glutrot. Nach dem Sonnenstand zu urteilen musste es so um Sechs sein, so das wir bis Piräus noch etwa zwei Stunden brauchen würden. Um Rainer nicht zu wecken, stand ich vorsichtig auf und wankte in Richtung Bus wo es vielleicht noch einen anderen Frühaufsteher gab. Ob ich zuerst den Fischgeruch wahrnahm oder die Pfützen sah weiss ich nicht mehr, aber das die Brühe in der meine noch schlafenden Freunde lagen, aus den Kisten kam war mir sofort klar. Offensichtlich war das zur Kühlung der Fische bestimmte Eis mittlerweile geschmolzen und ausgelaufen. So wie sie aussahen hatten die Kampfjacken, in denen die Jung´s auf ihren Schlafsäcken lagen, schon eine Menge von der Fischbrühe aufgesogen. Das konnte ja lustig werden, wenn wir wieder zusammen im Bus sassen. Es dauerte nicht mehr lange bis sie aufwachten und selbst die Bescherung sahen. Natürlich konnten Rainer und ich es uns nicht verkneifen, ihnen grinsend zur Wahl ihres Schlafplatzes zu gratulieren, was uns allerdings eine sofortige Taufe mit Fischbrühe einbrachte. Kurze Zeit später kam das griechische Festland in Sicht und zeigte das baldige Ende unserer Schiffsreise an.

Wir laufen in den Hafen von Piräus ein.

Pünktlich gegen Acht lief die fähre in Piräus ein, dessen Bewohner schon alle auf den Beinen zu sein schienen. Das Herunterhieven unserer "Möhre" gestaltete sich ebenso problemlos wie das Hinaufhieven, so das wir schon nach weniger als einer halben Stunde in Richtung Athen unterwegs waren. Obwohl wir unsere Jacken natürlich auf dem Dachgepäckträger deponiert hatten, durchzog penetranter Fischgeruch die Kabine, der sich trotz geöffneter Seitentüre und Fenster nicht vertreiben liess. Die verklebten Haare der meisten Insassen machten deutlich warum. So konnten wir jedenfalls nicht in der deutschen Botschaft aufkreuzen. In Athen angekommen, schlug Hansi vor zur Akropolis zu fahren, wo es bestimmt öffentliche Toiletten und die dazugehörigen Waschgelegenheiten gäbe. Was tatsächlich auch so war und nachdem wir uns ausgiebig gewaschen und entleert hatten, konnte eine Besichtigung des berühmtesten Überbleibsels der Antike bestimmt nicht schaden. Leider wollte der Mann an der Kasse umgerechnet eine Mark von jedem, worauf wir unseren geplanten Geschichts-Excours auf unbestimmte Zeit verschoben. Plötzlich druckste Wolfgang herum und schien uns etwas Sagen zu wollen. Als wir ihn aufforderten loszulegen überwand er sich schliesslich und gestand, dass er er eine eiserne Reserve von 25 Mark bei sich trug, von der wir andern die ganze Zeit nichts gewusst hatten. Zuerst waren wir etwas hin und hergerissen, betrachteten dann aber diese unverhoffte Gabe als Wink des Schicksals. Das war genau die Tankfüllung, die uns bis nach Hause gefehlt hatte. Jetzt verfügten wir über 105 Mark und konnten es zumindest theoretisch schaffen. Keiner wiedersprach, als Theo vorschlug wir sollten es versuchen. Die Botschaft mit ihren feinen Pinkeln konnte uns gestohlen bleiben, jetzt kamen wir auch ohne die klar, auch wenn es noch ganz schön weit bis Duisburg war. Unsere knurrenden Mägen erinnerten uns daran, dass eigentlich Frühstückszeit war, aber mangels Futter ignorierten wir sie einfach und machten uns stattdessen auf den Weg in die Heimat. Da wir uns noch tief im Süden von Griechenland befanden und trotz der vergleichsweise guten Strassen nicht den verbliebenen Längsträger riskieren wollten, kamen wir nur langsam voran. Als wir gegen Mittag neben einigen ausgedehnten Feldern halt machten, stiess Günter plötzlich einen Begeisterungsschrei aus. "Mensch das sind Melonen!", schrie er und war nicht mehr zu halten. Natürlich liessen wir andern uns auch nicht lange bitten und kamen bald mit je zwei dieser riesigen Früchte bewaffnet zum Bus zurück. Dabei mussten wir es belassen, denn aus einem in der Nähe befindlichem Gebäude waren plötzlich ebenfalls ein lauter Schrei zu hören. Allerdings klang er erheblich weniger begeistert und als plötzlich ein paar Gestalten aus dem Haus kamen und auf unseren Bus zuliefen, brachen wir unsere spontane Schnellernte ab. So schnell es unsere "Möhre" zuliess machetn wir uns mit tuckerndem Motor davon. und hofften, dass die Bestohlenen nicht ebenfalls über ein Auto verfügten. Bei ihrer maximalen Höchstgeschwindigkeit von kaum mehr als 100 km/h wäre unsere "Möhre" bei einer Verfolgungsjagd wohl immer der Verlierer gewesen. Ein schlechtes Gewissen hatten wir nicht, denn unsere knurrenden Mägen erfüllten sicher alle Voraussetzungen um vor jedem Gericht als Mundräuber zu gelten. Gierig verschlangen wir unsere klebrige Beute, die leider zu 98% aus Wasser bestand und deshalb eigentlich eher als Getränk einzuordnen war. Immerhin waren die zahlreichen Kerne von erheblich festerer Konsistens, wurden aber nach passieren des Verdauungstrakts, unverdaut wieder ausgeschieden. Da es in der Gegend jede Menge Melonenfelder gab, mutierten wir mit der Zeit zu wahren Meistern des Melonendiebstahls. Unser jeweiliger Fahrer fuhr im Schritttempo so nahe wie möglich neben das zum Raub bestimmte Melonenfeld, während zwei von uns im Bus die Melonen aufschnappten, die von den anderen im Feld befindlichen Vieren Richtung Bus geworfen wurden. Trotz einiger Fehlwürfe war die Trefferrate ziemlich hoch, so dass unser Melonenvorrat im Bus eigentlich nie kleiner wurde. So lange es an der Strecke Melonenfelder gab machten wir weiter und hörten sauch dann nicht damit auf, als auf uns geschossen wurde. Ob der aufgebrachte Melonenbauer tatsächlich gezielt, oder in die Luft geschossen hat werden wir wohl nie erfahren. Getroffen worden ist jedenfalls keiner, doch der exessive Melonenkonsum wirkte sich mehr und mehr negativ auf unsere Verdauung aus. Immer häufiger mussten wir nicht nur zum Klauen anhalten, was wegen der  fehlenden Tarnungsmöglichkeiten für den Betroffenen schon etwas peinlich war. Bald konnten wir wegen unserer Magenkrämpfe keine Melonen mehr sehen, aber als sie sich wieder beruhigten war dafür der Hunger wieder so gross wie vorher. Hinter der griechischen Grenze, in Jugoslawien gab´s sowieso nichts mehr zu Klauen, aber ein unerwartetes Leckerli gab es trotzdem.

 

Das alte, steinharte Stück Brot, dass Rainer hinter einer Sitzbank fand, war höchstens so gross wie ein Brötchen, wurde aber trotzdem noch mal in 7 gleich grosse Stücke aufgeteilt von denen jeder eines erhielt. Der Inhalt der angebrochenen Tüte Puddingpulver, die Rainer am selben Ort gefunden hatte, wurde anschliessend auf die Brotstücke gestreut und fertig war die Delikatesse. Nach drei Tagen ohne richtiges Essen schmeckte uns diese seltsame Kreation unbeschreiblich gut, aber sie sollte auch das Letzte sein, das wir bis Duisburg zwischen die Zähne bekamen. Über den Rest der Strecke ist nicht viel zu sagen. Diesmal fuhren wir nicht über die Küstenstrasse zurück, sondern entschieden uns für die jugoslawische Autobahn (Autoput), die über Belgrad führte und nicht nur eine ziemliche Abkürzung, sondern auch die erheblich bessere Strasse war. Natürlich musste unsere "Möhre" wieder über die Alpenpässe geschoben werden, was uns diesmal, so ausgehungert wie wir waren, allerdings erheblich schwerer als auf der Hinfahrt fiel. Trotzdem kamen wir schliesslich in Deutschland an. Unsere "Möhre" war nicht auseinandergefallen und wir trotz der vier Tage beinahe Null-Diät noch einigermassen einsatzfähig, aber würden wir es spritmässig bis Duisburg schaffen? Auf der Höhe von Stuttgard vertankten wir unser letztes Geld und verliessen uns auf unser Glück. Kurz nach dem wir vor Düsseldorf auf Reserve umgeschaltet hatten, hielten wir an der nächsten Raststätte an und gaben dort unsere zwei Mark Notreserve aus. Während die Nichtraucher sich gierig Schokolade einverleibten, entschieden sich die Raucher, man höre und staune, für eine Packung Zigaretten, von denen sie ja kaum noch wussten wie sie aussahen. Nachdem Theo uns alle zu Hause abgeliefert hatte und in seine Strasse einbog, fing der Motor plötzlich an zu spucken und ging fünfzig Meter vor seiner Haustüre aus. Das Benzin war alle.

Ende