Die tolle Zeit

Diese vier Wochen, Anfang der Sechziger, waren vielleicht die aufregendsten die ich bisher erlebt habe. Um sie noch einmal nach zu erleben, habe ich ein Buch darüber geschrieben. Obwohl es eigentlich im damaligen Duisburg genug Möglichkeiten gab sich den Hals zu brechen wollten Rainer, Heiko und ich uns auf fremdem Territorium bewähren. Ein Ort am Rhein, mit echter Ritterburg, schien genau das Richtige dafür zu sein.

Das Buch kann unter folgender Adresse bestellt werden:

http://www.gryphon-online.de/

 In das Textfenster oben links einfach Die tolle Zeit eintippen.

Leseprobe:

Rrrriiiing, rrrriiiing, rrrriiiing, rrrriiiing, rrrriiiing, rrrriiiing,
rrrriiiing! Zu sehen war noch nichts, aber das zuerst kaum hörbare
Geräusch war inzwischen zu einer Art Klingelinferno angeschwollen.
Rainer und Dieter sahen sich an und grinsten.
Natürlich war ihnen klar, wer den Schlafenden zu dieser frühen
Stunde ihren Schlaf raubte. Noch bevor sie ihren Versuch fortsetzen
konnten, den riesigen Zeltsack einigermaßen vernünftig
auf Rainers Gepäckträger zu verzurren, kam Heiko um die Ecke
geschossen. Mit hoher Geschwindigkeit jagte er am Lattenzaun,
der den Gehsteig vom dahinter liegenden Grundstück trennte,
vorbei und flog förmlich über die Bordsteine der Hultschiner
Straße, die er durch abruptes Hochreißen seines Vorderrades geschickt
überwand. Natürlich verschwendete er keinen Blick auf
eventuell kreuzende Fahrzeuge. Hoch aufgerichtet auf dem alten
Damenrad sitzend trat er voll in die Bremse. Mit radierendem
Hinterrad kam das altertümliche Gefährt knapp einen Meter vor seinen
Freunden in Schräglage zum Stehen und drohte umzukippen.
Nicht eine Sekunde zu früh sprang Heiko ab und ließ das
Rad auf die Steinplatten scheppern. „Alles klar, Jungs?“ Die von fetten
Backen zusammengepressten Augenschlitze strahlten Rainer und Dieter
freundlich an.


„Und?“ Heiko versuchte, Dieters bohrendem Blick
auszuweichen. „Sag endlich, wie viel!“ Rainers finsterer Blick versprach
ebenfalls nichts Gutes. Ein paar Sekunden nahm sich Heiko noch
Zeit, bevor er antwortete: „Die Alte hat mir 30 Mark gegeben.“
Jetzt war es heraus und ihm die Erleichterung deutlich anzusehen.
Heikos Gesicht, das für einen Moment blass geworden war,
schimmerte wieder in der üblichen rötlichen Tönung.
„Was?“ Seine Freunde schauten sich fassungslos an. „Dann haben wir
gerade mal 230 Mark“. Das war noch weniger als befürchtet.
Jedenfalls, wenn sie die geplanten vier Wochen bleiben wollten.

„Ist knorke hier!”, versicherte Rainer, dessen Ohren das orangerot
der untergehenden Sonne angenommen hatten.
„Schade, dass wir morgen schon wieder weiterfahren.” Das
Mädchen zuckte bedauernd die Schultern und schaute traurig.

Ihre Antwort versetzte Rainer einen Stich. Mensch sah die gut
aus. „Wohin fahrt ihr denn?”, fragte Dieter anscheinend ebenso
enttäuscht. „Nach Italien”, antwortete die engelhafte Erscheinung und
machte damit alle Hoffnungen ihrer Verehrer auf ein Wiedersehen
zunichte. Im Gegensatz zu seinen Freunden fand es Heiko ganz
prima, dass die Eltern des „Engels” ihren Wohnwagen am äußersten
Ende des Zeltplatzes parkten und inklusive „Hamburger
Deern” zeitig schlafen gingen. Er verstand nicht, dass die beiden
sich trotzdem auf den Weg machten und den ganzen Abend
erfolglos bei den „Betuchten” herumschlichen, um eventuell
noch einen Blick auf ihre „Flamme” werfen zu können. Als die
Hamburger am nächsten Morgen samt ihrer Deern verschwunden
waren und Rainer und Dieter enttäuscht vom ehemaligen
Standplatz des Wohnwagens zurückkamen, atmete Heiko erleichtert
auf. Ohne weibliches Störpotential schien alles wieder normal
zu laufen. Sie durchstreiften die Wälder um die Burg herum,
fuhren nach Lahnstein um einzukaufen, ließen Steine von den
Wellen des Rheins abprallen, oder lagen einfach nur faul vorm
Zelt herum. Es war ein herrliches, ungezwungenes Leben, bis
die Sache mit den Ureinwohnern passierte, die ihnen beinahe
die Ferien vermiest hätte. Ureinwohner, damit waren alle nicht
zum Zeltplatz gehörenden Hiesigen gemeint, die natürlich meistens
Braubacher waren. Dabei hatte der besagte Tag ganz harmlos
begonnen. Gleich nach dem Frühstück waren sie zur Burg
aufgebrochen, um dort oben herumzuklettern und ihre üblichen
Scheingefechte auszufechten. Dass es schon auf dem Weg dorthin
allerdings zu einem echten Kampf kommen würde, damit
hatte keiner gerechnet. Als sie den steilen, serpentinenartigen Weg zur
Burg hinauf gingen, kam ihnen eine Gruppe etwa gleichaltriger Jungen
entgegen, die anscheinend auf Streit aus waren. Eigentlich war der
Weg breit genug, aber fünf Braubacher wäre kein Weg
breit genug gewesen. Da die drei Fremden offenbar nicht nachgeben
wollten, war eine Konfrontation unvermeidlich.

  „Na, ihr Liebeskasper!”, begrüßte Heiko die beiden und zwinkerte
Jo mit einem Auge zu. „Wo sind de lecker Meisjes?”, rief Jo grinsend.
Offensichtlich hatte Heiko dem Holländer ein Treffen mit
Landsmänninnen in Aussicht gestellt. „De Dicke hat se mir verkoopt!”
Jo lachte dröhnend über seinen Scherz und ließ einen ordentlichen
Schluck Bier in seine Kehle rinnen. „Mussten aufs Schiff ”, erklärte
Rainer etwas abwesend. Ihm war die leere Colaflasche aufgefallen, die
vor Heiko auf dem Tisch stand. „Hat Jo die ausgegeben?”
Der Holländer schien sich über Rainers Frage zu wundern.
„Ik?”, sagte er erstaunt, „nee, de Dicke mut dat alles betahle!!”
Er schlug Heiko, der gerade aus seiner noch halbvollen Flasche
trinken wollte, so feste auf den Rücken, dass ein Teil der Cola auf
dessen Hose landete. „Woher hast du das Geld?”, fragte Dieter, der sich
ziemlich sicher war, dass Heiko über keinen einzigen Pfennig verfügte.
„Welches Geld?” Heiko zeigte mit dem Daumen in Richtung
Kiosk. „Da kannste anschreiben lassen”, verkündete er seinen
fassungslosen Freunden. „Du hast Jo’s Bier und die Cola auf Kuki
gekauft”, fragte Rainer ungläubig. „Tickst du nicht mehr ganz richtig?”
Heiko schien sich falsch behandelt zu fühlen.
„Ihr wisst doch gar nicht, was los ist”, sagte er beleidigt und
deutete auf den mit ineinander verschränkten Armen unbeteiligt
schauenden Holländer neben sich. „Jo will uns helfen.”
„Wobei?”, fragte Rainer mit etwas verwirrtem Gesichtsausdruck.
„Na, gegen den Roten und seine Bande!”, erklärte Heiko und
versuchte etwas verspätet, eine Wespe daran zu hindern, in seine
Flasche zu kriechen. Das Insekt rettete sich vor Heikos Finger ins Innere,
rutschte vom Glas ab und fiel in die Cola, in der es wenig später
flügelschlagend und strampelnd verblich. „Mistvieh!”, schimpfte Heiko
und schüttete etwas von der braunen Flüssigkeit aus, ohne allerdings den
Insektenleichnam mit nach draußen zu befördern.
„Ach so”, sagte Rainer und schaute bewundernd auf Jos Bizeps,
die ohne weiteres eines Preisboxers würdig gewesen wären. Das,
was Heiko über Jo gesagt hatte, hörte sich nicht schlecht an und
ließ die Sache in einem anderen Licht erscheinen. Endlich ohne
Angst mit Tini und Marty durch Braubach spazieren zu können,
wäre schon ein paar Mark wert.
„Jo hilft uns aber nur, wenn die angreifen und in der Überzahl
sind”, verkündete Heiko bedauernd, nahm einen Schluck Cola
und spuckte anschließend die mit der Flüssigkeit in den Mund
gelangte Wespe auf die Wiese. „Fairplay!”, sagte Jo und hob grinsend
die riesigen Hände, „Dat mut sein!” „Kein Problem”, versicherte Rainer,
„wir fangen auf keinen Fall an.” „Is chut!” Jo hielt ihnen seine
Pranke hin, und Rainer und Dieter schlugen ein.
„Eine Sorge weniger”, meinte Dieter erleichtert. „Jetzt kann
Jürgen mit seinen Riesenbabys ruhig kommen!”, freute sich
Heiko und schlug seinem neuen Verbündeten mit der flachen Hand
auf die Schulter, dass es knallte.
Während Jo unbeeindruckt aufstand, um sich ein weiteres Bier
vom Kiosk zu holen, schüttelte Heiko mit Schmerz verzogenem
Gesicht seine Hand. „Mensch, zwiebelt die”, sagte er und pustete Luft
auf die Innenfl äche. „Der Kerl hat Schultern wie Eisen”, versicherte
Heiko. Mit Erleichterung nahmen sie zur Kenntnis, dass Jo
diesmal sein Bier selbst bezahlte. Nachdem Dieter Quellwasser
für sich und Rainer vom Zelt geholt hatte, stieß man damit gemeinsam
auf das neue Bündnis an. Da sie ja nun Alliierte waren,
trauten sie sich endlich ein Thema ansprechen, das ihnen schon
länger Schwierigkeiten bereitete.
„Warum nennt ihr Holländer uns eigentlich Moffen?“ Rainer
hatte die Frage gestellt, aber alle drei Jungen schauten den
Holländer gleichermaßen neugierig an. Jo schien einen Moment
zu überlegen, zuckte dann aber die Schultern und grinste entwaffnend.
„Weil irr Moff seid!”, stellte er trocken fest, nahm einen tiefen
Zug aus der Flasche und rülpste anschließend laut.
„Tolle Antwort!“, sagte Rainer enttäuscht.
„Und wat is met euer Kaaskop?“, protestierte Jo.
„Das ist nicht so schlimm wie Moffen!“, versicherte Rainer.
„Wir wissen nämlich, was Moff en bedeutet!”
„Arschlöcher!”, lieferte Heiko sofort die Übersetzung nach. Jo
winkte lässig ab. „Dat is nu ma sso!” Dieter gab sich mit der Antwort
nicht zufrieden. „Aber warum sind wir Moff en?“ Jo sah ihn erstaunt an.
„Habt ihr nix von de Krieg gehört?“ Er stand kopfschüttelnd
auf, um sich ein weiteres Bier am Kiosk zu holen.
„Na klar“, versicherte Rainer, als Jo wieder auf der Bank saß,
„aber was hat das damit zu tun?” Jo sah sie erstaunt an.
„Habt ihr dat nit in de Shool gelernt?“
Die drei schüttelten wahrheitsgemäß den Kopf, über den Krieg
hatte bisher noch kein Lehrer mit ihnen gesprochen. Jo schien
nicht vorzuhaben, ihr offensichtliches Bildungsdefizit auszugleichen.
„Dann fracht die ma!”, schlug er vor, während er eine auf der
Tischkante sitzenden Motte mit einem Bierdeckel anvisierte.
Obwohl das Insekt noch einen Notstart einleitete, wurde es von
Jos runder Pappe in die Wiese befördert.
„Wahrscheinlich sind die sauer, weil sie verloren haben“, flüsterte
Heiko. Jo der gerade etwas getrunken hatte, wischte sich
den Mund ab. „Wer hat verloren?“ „Ihr?” fragte Heiko etwas
verunsichert. Als Jo keine Antwort gab, deutete Heiko dies als
Zustimmung. „Macht ja nix“, tröstete er den Holländer, „jetzt sind wir ja
Freunde.” Jo schüttelte den Kopf und brauchte jetzt dringend
noch ein Bier. Nachdem er es geholt hatte, ließ er sich mit seinem
ganzen Gewicht auf die Holzbank fallen, so dass die Gläser vom Tisch
hochsprangen. Der Holländer schaute jeden von ihnen einzeln
eindringlich an. „Ihr könnt nix dafür“, versicherte er den dreien,
„aber ich bin in dem Krieg fast verhongert.”
Heiko nippte an seiner mittlerweile mehrfach mit Quellwasser
verlängerten Cola und schaute entsetzt. „Haste nix zu essen gehabt?“
„Nee!”, versicherte Jo, „nix!” „Und wie ist das?”, wollte Heiko wissen.
„Slimm!“, antwortete Jo mit ernstem Gesicht.
„Ich hab auch oft Hunger”, sagte Heiko, merkte aber dann
doch, dass seine Hungeranfälle wohl nicht ganz dasselbe waren.
„Bin ich froh, dass ich damals noch nicht gelebt habe”, sagte er
schnell. „Da hast du Gluck gehabt!”, gab ihm der Holländer Recht,
und Rainer und Dieter nickten zustimmend. Man wurde sich
einig, dass Krieg trotz der tollen Panzer in der englischen Kaserne
in Duisburg wohl doch nicht das Richtige für sie war. Jo nahm
einen weiteren Schluck aus der Pulle und verzichtete darauf, den
dreien zu erklären, welche schlimme Hypothek ihnen von ihren
Großvätern und Vätern hinterlassen worden war. Kurz bevor der
Kiosk geschlossen wurde, erstand Jo dort noch drei Flaschen Bier
und ging mit den Jungen zurück zu den Zelten. „Chude Nacht Jongens!“,
verabschiedete sich der Holländer noch freundlich, bevor er den
Reißverschluss seines Minizeltes hinter sich zuzog.

Als sie an der „Antje“ ankamen, schienen Tini und Marty schon
auf sie gewartet zu haben. Ohne darauf zu achten, ob sie vom
Schiff aus beobachtet wurden, kamen die beiden Mädchen angelaufen
und fielen ihnen ohne Vorwarnung um den Hals. Solche
ungezügelten Temperamentsausbrüche nicht gewöhnt, reagierten
die beiden Jungen zuerst etwas zurückhaltend, ergaben sich
dann aber doch ihrem Schicksal. Die beiden Holländerinnen
sahen wieder einfach toll aus. Ihre braungebrannten Beine steckten
diesmal in kurzen, abgeschnittenen Jeans, die sie noch länger
und schöner aussehen ließen als am Vortag.
„Schön dat ihrr da seid“, sagte Marty und strahlte Dieter mit
sanften, rehbraunen Augen an. Das komische Gefühl im Bauch
war wieder da, als sie sich an ihn schmiegte und ihm einen Kuss
auf die Nase gab. Diesmal hatte er nicht nur die weichen Lippen,
sondern auch deutlich ihre Wölbungen gespürt, die sich unter
dem Stoff des ärmellosen Hemds abzeichneten. Er brauchte einen
Moment, um sich von seiner Verwirrung zu erholen.
„Was machen wir heute?“, fragte Tini und legte Rainer ihren
Arm um die Hüfte. „Wir wollen zu einer Quelle!”, antwortete Rainer
wahrheitsgemäß, aber anscheinend unverständlich für Holländerrinnen.
„Ist eine Mineralwasserquelle!“, sagte Dieter, der von Marty in
gleicher Weise wie Rainer in Beschlag genommen worden war.
Die beiden Holländerrinnen sahen sich ratlos an und zuckten
die Schultern. „Iss chut!”, sagte Tini, „wirr komme mit ssu de chuelle.”
Off ensichtlich hatten sie nichts verstanden, wollten aber trotzdem
dabei sein. „Wann müsst ihr wieder zurück zum Schiff ?“, fragte Rainer.
Tini machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir haben
chut Zeit!“ Die beiden Mädchen grinsten sich an. „Wirr sind doch sshon
grot”, sagte Tini und lachte. Tinis Vater schien entweder überbeschäftigt
oder ein sehr großzügiger Mensch zu sein. Einige
Campinggäste schauten etwas erstaunt, als Rainer und Dieter
mit ihren hübschen Anhängseln über den Platz stolzierten.
Vermutlich war Damenbesuch auf dem Zeltplatz streng verboten,
doch da es keinerlei Kontrollen gab und es noch früher Vormittag
war verkniff man sich wohl einen Protest. Das Zusammentreff en
von Heiko und den Holländerinnen hätte nicht kühler ausfallen
können. Heiko nickte nur kurz, als Tini und Marty „Hallo!“,
sagten. Danach tat er so, als wären sie nicht da.
„Ist Heiko sauer?“, fragte Tini erstaunt. Rainer zuckte mit den
Schultern. „Der ist manchmal etwas komisch“, flüsterte er ihr leise ins
Ohr. Tini tat erstaunt und zog Rainer näher zu sich heran.
„Ist Heiko, wie sagt man,... eifersüchtig?“ Sie zog schmunzelnd
die Augenbrauen hoch. „Quatsch!“, sagte Rainer empört und
schaute irritiert, als Tini ihre Freundin in den Arm nahm und ihr
einen Kuss auf die Wange drückte. „Wirr schon!“, sagte Tini und hatte
Mühe ernst zu bleiben, als sie die verblüfften Gesichter von Rainer und
Dieter sah. Plötzlich kicherten die Mädchen los und schienen sich nicht
mehr beruhigen zu können. Heiko tippte sich vielsagend mit dem Finger
an die Stirn. „Jetzt drehen die ganz durch!”, sagte er kopfschüttelnd,
stand von seiner Luftmatratze auf und ging wortlos in Richtung
Waschbaracke davon. Tini und Marty nahmen ihre immer noch etwas
verwirrten Freunde in den Arm und gaben ihnen einen Kuss.
„Seid niet bang, wir sind nur Freundinnen“, versicherte Tini.
„Was denn sonst?”, sagte Dieter erstaunt und fragte sich vergeblich
was die beiden wohl anderes gemeint haben könnten.
Die Holländerinnen brachen in Lachen aus, beruhigten sich
aber schnell wieder. Idiotischerweise hatte man mit Jimmy keine
Uhrzeit ausgemacht. Dieter wurde langsam unruhig.
„Hat Jimmy nicht gesagt, wann er kommen will?“, fragte er
Heiko, der gerade frisch frisiert und mit ebenfalls perfektem
Scheitel von der Waschbaracke zurückgekommen war. „Du warst
doch die ganze Zeit mit ihm zusammen.“
Heiko fixierte mit finsterem Blick die beiden Holländerinnen,
die es sich auf seiner Luftmatratze bequem gemacht hatten. „Nee,
hat er nicht!“, sagte er trotzig, zog Dieters Luftmatratze aus dem
Zelt und ließ sich darauf fallen. Während sie untätig da lagen
und die vorbeifahrenden Schiff e betrachteten, stellte Rainer die
bisher peinlich vermiedene Frage.
„Wie lange bleibt ihr eigentlich noch?” Tini hob scheinbar ratlos
die Hände. „Dat wissen wirr niet”, antwortete sie. „De Motor van dat
Schip is kaputt und meen Vader wartet auf een Pompe oder ssoo wat.”
„Wahrscheinlich Probleme mit der Einspritzpumpe”, vermutete Rainer.
Tini zuckte die Schultern, und schien schlagartig ihre
gute Laune verloren zu haben. Von nun an herrschte betretenes
Schweigen. Heiko verkniff es sich, dem „Vader” von Tini eine
schnelle Lieferung des Ersatzteils zu wünschen, und zog sich,
vermutlich um dort etwas Essbares zu suchen, ins Zelt zurück.
Bevor alle noch weiter in tiefe Depressionen verfallen konnten,
tauchte zum Glück Jimmy auf. Sein heftiges Klingeln war wohl
schon länger zu hören gewesen, aber keiner hatte so richtig darauf
geachtet. Im Gegensatz zu ihnen schien er bestens gelaunt
zu sein. „Nehmt so viele Flaschen wie möglich mit!“, rief er
noch fahrend und sprang nach dem Abbremsen mit einem tollkühnen
Satz vom noch rollenden Rad. Als er Tini und Marty sah, stutzte
er einen Moment, zeigte dann aber sofort sein berühmtes
Zahnpasta-Lächeln. Er lehnte sein Fahrrad gegen den Baum und
ging schnurstracks auf die Mädchen zu. „Hallo!“, sagten die Mädchen
und hoben lässig ihre Hand zum Gruß. Wie es sich für einen
Kavalier der alten Schule gehört, gab sich Jimmy aber nicht damit
zufrieden. Mit zügigem Schritt ging er auf sie zu, gab jeder einzelnen
Dame die Hand und machte eine kurze Verbeugung. „Jimmy“, stellte er
sich mit sonorer Stimme vor. „Fehlt nur noch, dass er die Hacken
zusammenknallt“, sagte Dieter leise zu Rainer, den Jimmys
Verhalten anscheinend ebenfalls etwas beunruhigte.

„Die sind total bekloppt!“, schrie Heiko, der den Abschluss
der Kolonne bildete, von hinten. Als sie an der Anlegestelle der

„Antje“ vorbeikamen, saßen die Holländerinnen plötzlich wieder
ganz gesittet auf den Gepäckträgern und schauten mit gespanntem
Blick zur „Antje“ hinunter, wo allerdings keine Menschenseele
zu sehen war. Offensichtlich hatten Holländerinnen doch noch
Respekt vor ihren Vätern. Kaum waren sie außer Sichtweite,
ging das Spielchen allerdings wieder von vorne los. Dabei erwies
sich Tini als die noch Verrücktere. Während Marty sich gerade
mal traute, aufrecht zu stehen, wurden Tinis Kunststücke immer
riskanter. Auf einem Bein stehend, das andere waagerecht
nach hinten ausgestreckt, hielt sie sich nur mit einer Hand an
Rainers Schulter fest. Einige der vorbeirauschenden Autofahrer
hupten angesichts solchen Wahnsinns und schüttelten verständnislos
den Kopf. Rainer dagegen strahlte, er schien richtig stolz
auf seine etwas verrückte, wilde Freundin zu sein. Dieter, der
Mühe hatte sein Rad in der Spur zu halten, atmete erleichtert
auf. Der vorausfahrende Jimmy hatte mit einer Hand nach links
gedeutet und war anschließend in diese Richtung von der Straße
abgebogen. Ohne ihn wären sie garantiert an dem durch Büsche
und Bäume verdeckten Einschnitt in dem bewaldeten Hügel
vorbeigefahren. Der steinige Waldweg führte bergauf und wurde
zusehends steiler. Kurz bevor Rainer und Dieter völlig zum
Stillstand kamen, sprangen die beiden Holländerinnen ab und
gingen zu Fuß weiter. Obwohl sie nur zwanzig Minuten unterwegs
waren, liefen Rainer und Dieter schon die Schweißperlen von der Stirne.
„Ist nicht mehr weit“, versprach Jimmy. Bis zur Quelle, die ganz
anders aussah als erwartet, waren es rund 500 Meter. Eigentlich
bestand sie nur aus einem Wasserhahn, der aus einer Steinplatte
ragte. Das dort permanent herausfließende Wasser rann über die
darunter befindlichen Steine auf den Weg, den es hinunterlief
und dort etwa nach hundert Meter versickerte. Ihre anfängliche
Enttäuschung schlug in Begeisterung um, als sie das Wasser
probierten. Es war nicht so kohlensäurehaltig wie das übliche,
käufliche Mineralwasser, schmeckte aber trotzdem hervorragend.
Nachdem sie ihren Durst gestillt und ihre Gesichter damit erfrischt
hatten, beschlossen sie, sich noch etwas auszuruhen.
Obwohl die heiße Mittagssonne die Luft flimmern ließ, konnte
man es auf der Wiese neben der Quelle, im Schatten der Bäume,
gut aushalten. Das verdunstende Wasser auf dem Weg sorgte für
zusätzliche Kühlung. Tini, die neben Rainer im Gras lag, kuschelte
sich an ihn. „Is dat schön hier“, flüsterte sie und legte ihren Kopf auf
seine Schulter. Er streichelte ihr über das blonde Haar und
schloss die Augen. Nur das Plätschern des Wassers war
zu hören, und selbst den Vögeln schien es zu heiß für das übliche
Mittagskonzert zu sein. Schweigend genossen die sechs die seltene
Stille. Marty und Dieter lagen sich gegenüber und schauten
sich an. „Du hast schöne blaue Augen”, sagte Marty und rückte so nahe
an Dieter heran, das ihre Nasenspitzen sich berührten. „Du hast schöne
braune“, revanchierte er sich und spürte wieder das seltsame Gefühl im
Bauch, das ihn sogar seinen Hunger vergessen ließ. Er roch deutlich den
frischen Duft ihrer gebräunten Haut, die um die Nase mit Sommersprossen
gesprenkelt war. „Stören wir?“ Heikos Stimme klang genervt.
Etwas verlegen richtete sich Marty auf und schaute sich nach Tini und
Rainer um, die nur wenige Meter entfernt auf der Wiese lagen. „Soll ich
helpe“, fragte sie, als sie sah, dass Heiko und Jimmy schon fleißig die
mitgebrachten Flaschen mit Quellwasser füllten. Heiko brummte etwas
Unverständliches, schaute aber schon erheblich freundlicher.

„Signorinas wolle dancing?” Der Italiener stand lächelnd vorm
Tisch und schien auf eine Antwort zu warten.
„Der fragt ob ihr tanzt“, übersetzte Dieter das Italo-Englisch
des Südländers, der sich ihnen kurz vorher als Stephano vorgestellt
hatte. Im Gegensatz zu Rainer und Dieter schienen ihre
Freundinnen Stephanos Frage überhaupt nicht lästig zu fi nden.
„OK, Sir”, sagte Tini, worauf der Italiener wieder hinter seiner
Theke verschwand und erwartungsvoll schaute.
„Si, si, si!”, versicherte er aber sofort zustimmend, als Tini ihm
klar machte, dass die beiden vor ihrer Tanzeinlage unbedingt
erst noch ihr Eis verspeisen müssten. Angesichts des herzlichen
niederländischen-italienischen Einvernehmens schauten Rainer
und Dieter zwar etwas verwundert, enthielten sich aber jeden
Kommentars. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Stephano das
Tablett mit den fünf riesigen Eisbechern auf den Tisch stellte.
Offensichtlich hatte Tinis Mitteilung beschleunigend gewirkt.
Als Rainer wegen eines vorbeiröhrenden MG Sportwagens kurz
nach draußen durch die Schaufensterscheibe schaute, fuhr ihm
der Schreck in die Glieder. Die immer noch sichtlichen Kratzer
im Gesicht des Rothaarigen erfü erf llten ihn zwar mit Genugtuung,
aber die beiden neben ihm stehenden, etwa fünfzehnjährigen,
reichlich kräftig aussehenden Kerle verhießen nichts Gutes.
Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und sein Eis einfach
weiterzulöffeln, aber Dieter schien im Gegensatz zu Tini
und Marty, die wie Heiko viel zu sehr mit ihrem Eis beschäftigt
waren, trotzdem etwas gemerkt zu haben. Die Begleiter des
Rothaarigen schauten mindestens ebenso grimmig wie er selbst
und schienen so etwas wie seine Leibwächter zu sein. Auf ein
Augenzeichen Rainers drehte sich Dieter unauffällig um und
zuckte unwillkürlich zusammen. „Verdammt!“
Marty blickte erstaunt von ihrem Eis hoch und schaute ihn fragend
an. „Wat is verdumm?“ Dieter verzog sein Gesicht und deute
auf seine Backe. „Ich glaube ich muss bald zum Zahnarzt“, sagte
er mit gequältem Gesichtsausdruck und rieb sich das Kinn.
„Dat colde Eijs“, sagte Marty verstehend und streichelte ihm
vorsichtig über die Wange. „Dieter mut zum Dentiest”, erklärte
sie mitfühlend den andern, die zwar kurz aufschauten, ihre
Eisorgie aber sofort mitleidlos fortsetzten. Jürgen und seinen
Vasallen war Martys tröstende Geste nicht verborgen geblieben.
„Guckt euch diese Waschlappen an!“, schrie Jürgen mit sich
überschlagender Stimme von draußen, „lassen sich von den
Weibern wie’n Hund streicheln!” Anschließend lachte er wie ein Irrer
und versuchte einem seiner großen Freunde ebenfalls übers Gesicht zu
streicheln, was der sich aber nicht gefallen ließ und ihn entrüstet
zurückstieß. Offensichtlich betrachteten sich die beiden „Leibwächter”
nicht als Jürgens Leibeigene. Durch den Lärm aufmerksam geworden,
drehten sich Tini und Marty um. „Wer ist dat?“, fragte Tini mit
hochgezogenen Augenbrauen besorgt, als sie den Grimassen
schneidenden Jürgen samt Anhang vor dem Schaufenster erblickte.
„Der tickt nicht ganz sauber!“, versicherte Heiko und machte
vor seinem Gesicht ein paar symbolische Wischbewegungen mit
der Hand. „Das ist hier der Dorftrottel!“ Tini schien nicht zu
verstehen. „Wat ist dat?” Marty schaute Dieter Hilfe suchend an.
„Diese meisten kleinen Orte haben so ’nen bescheuerten Typen”, erklärte
Dieter, „wegen der Inzucht.” „Inzocht?” Marty schien diesen Ausdruck
noch nie gehört zu haben. Die beiden Holländerinnen blickten sich an
und hoben ratlos die Schultern. „Wenn der Bruder mit der Schwester
oder mit der Cousine und so”, mischte sich Rainer ein. „Ihr wisst schon.”
Marty bekam trotz ihrer Bräune einen roten Kopf, schien aber endlich zu
begreifen, was gemeint war. Gerade drückte Jürgen Mund und
Nase an der Schaufensterscheibe platt und ließ seine Zunge über
das Glas kreisen. Irritiert und etwas verlegen schauten sich die beiden
Mädchen an. „Arme Menssen“, meinte Tini bedauernd, widmete sich
dann aber lieber doch wieder ihrem noch halbvollen Eisbecher.
Stephano schien angesichts der oralen Fensterreinigungsversuche
Jürgens seine bisherige neutrale Haltung aufgeben zu wollen.
„Das gib’sse gar nicht!”, schimpfte er und drohte wütend mit
der Faust nach draußen, was auf den „Roten“ allerdings wenig
Eindruck machte. Gerade, als Jürgen wieder zu einem neuen
Fensterreinigungsversuch ansetzte, stürzte der Italiener, so schnell es
seine kurzen Beine zuließen nach draußen. Nur mit knapper Not konnte
sich der als Inzüchtiger geoutete samt Begleitern Stephanos Zugriff
entziehen und sich auf die andere Straßenseite retten. „Haute
blosse appe!”, schrie der Italiener zu ihnen hinüber und drohte
ihnen mit der Faust. „So eine Idiot!”, wiederholte er immer wieder,
während er mit einer Serviette Jürgens Speichelreste vom Schaufenster
zu entfernen versuchte. Tini und Marty die sich sichtlich darüber freuten,
dass der arme „Erbgeschädigte” entkommen war, warfen dem
ahnungslosen Stephano vorwurfsvolle Blicke zu und konnten nicht
begreifen, warum ihre Freunde offensichtlich anderer Meinung
waren. „Etwas zu langsam, der Stephano”, stellte Rainer bedauernd
fest und schaute besorgt zur andern Straßenseite hinüber, wo die
drohenden Gesten ihrer Verfolger zeigten, dass die Sache noch
nicht überstanden war. Mittlerweile war von Jürgens Spucke an
der Schaufensterscheibe nichts mehr zu sehen.
sein. Zum Glück kommt es auf ein paar Cola mehr oder weniger
nicht an, tröstete sich Rainer nach der zweiten Runde und
schaute so unauffällig wie möglich nach draußen, wo in nicht
mehr als dreißig Meter Entfernung Jürgen und seine Gehilfen
auf dem Bordstein saßen. Die hasserfüllten Blicke versprachen
nichts Gutes, und leider schienen ihre drei Widersacher alle Zeit
der Welt zu haben. Jetzt kam es darauf an, wer den längeren
Atem besaß. Wenn wenigstens die beiden Hünen endlich die Lust
verlieren würden, dachte Dieter, und nuckelte lustlos an seinem Glas.
Nach einer weiteren halben Stunde und einer neuen Runde
Cola waren die Kerle immer noch da. Langsam wurden die
Holländerinnen nervös. „Ich kann nit mehr trinke”, sagte Marty, die
schon länger nervös auf ihrem Stuhl herumgerutscht war.
„Der Willi von den Maiers ist auch überzüchtet”, verkündete
Heiko völlig überraschend für alle Anwesenden. Offensichtlich
fühlte er sich plötzlich verpflichtet, für Ablenkung zu sorgen.
„Behauptet meine Oma jedenfalls”, relativierte er seine
Behauptung wieder. „Die muss es ja wissen”, meinte Dieter böse.
Heiko überging oder verstand die Ironie nicht und fuhr einfach fort.
„Das Vieh ist total link”, versicherte er den verdutzten
Holländerinnen. „Erst lässt er sich ‘ne Weile streicheln und beißt
dann plötzlich zu.” „Is de Willy en Hond?”, fragte Marty, die jetzt
offenbar begriff, dass es sich bei Willy nicht um einen überzüchteten
Sohn der Maiers handelte. „Klaro!” Heiko zeigte ihr stolz seine Narbe
auf dem Handrücken, die aber, wie Rainer und Dieter wussten, vom
Stacheldraht der englischen Kaserne in Duisburg stammte.
„Voll reingebissen!”, verkündete er stolz und ließ die
Holländerinnen mit ernster Miene die schrecklichen Folgen des
nie stattgefundenen Willy-Angriffs bewundern. Gerade als er den
Mädchen die Demonstration einer weiteren, allerdings verborgenen
Narbe in Aussicht stellte, hellte sich Rainers Miene auf.

Die Vier suchten sich einen Logenplatz auf einem Felsvorsprung,
um von dort aus den Sonnenuntergang zu betrachten. Fasziniert
sahen sie dem rotglühenden Ball zu, wie er die grünen Hügel auf der
gegenüberliegenden Seite des Rheins berührte, mit ihnen zu
verschmelzen schien und dann langsam hinter ihnen verschwand.
Wie nach einem Theaterbesuch, bei dem man noch etwas bleibt um das
Stück auf sich wirken zu lassen, blieben die vier auch noch eine Weile
sitzen. „Dat werde ich nie vergeeten“, versicherte Tini nachdem sie
eine Weile schweigend dagesessen hatten. Dankbar für das Erlebte
gaben die Mädchen ihren Freunden einen Kuss. Da es jetzt zusehends
dunkler wurde, verließen sie ihren felsigen Ehrenplatz
und gingen gutgelaunt den Berg nach Braubach hinunter, wo die
Mädchen sich noch etwas auf der Hauptstraße umsehen wollten.
Am Eiscafe spendierte Rainer großzügig sich und den anderen
Dreien ein Hörnchen Eis, das sie beim Vorbeischlendern an den
wenigen Geschäften aßen. „Sollen wir schwimmen gehen?“, fragte
Dieter, als sie am Bahnübergang ankamen. Verschwitzt, wie sie
mittlerweile waren, regte sich kein Protest gegen seinen Vorschlag, und
sie machten sich sofort auf den Weg zu ihrem kleinen Traumstrand vom
gestrigen Abend. Diesmal gingen sie nicht den beschwerlichen Weg
am Ufer entlang dorthin, sondern direkt über die Straße, von
der aus der schmale Sandstreifen kaum auszumachen war. Hier
waren sie völlig ungestört, wenn man von den wenigen um diese
Zeit noch vorbeifahrenden Schiff en einmal absah. Wie schon am
Vortag zogen sich die Mädchen sofort ungeniert bis auf den Slip
aus und gingen, ohne zu zögern ins erfrischende Wasser. Wieder
stockte Dieter und Rainer der Atem, als sie die fast hüllenlosen,
perfekten Figuren der Mädchen sahen. Diesmal gingen die
Jungen zusammen mit ihren Freundinnen ins Wasser und versuchten,
gemeinsam mit ihnen der Strömung zu widerstehen.
Marty klammerte sich an Dieter, der selbst einige Mühe hatte,
nicht abgetrieben zu werden. „Ick liebe dich“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Obwohl er nicht genau wusste, ob es das war, was er immer fühlte,
wenn er mit Marty zusammen war sagte er: „Ich dich auch.”
Am gegenüberliegenden Ufer glitzerten einige schwache Lichter,
die, weil sie sich bewegten wahrscheinlich von Autoscheinwerfern

waren. Längst war das Orangerot über den Bergen einem Blau
gewichen, dass je höher man schaute dunkler wurde. Ganz oben
glitzerten schon einige wenige Sterne, und die silberne Sichel des
Halbmondes spiegelte sich auf den Wellen des Flusses. Hinter
ihnen auf der Uferstrasse rauschte ein einzelnes Auto vorbei und
übertönte für ein paar Sekunden das glucksende Geräusch des
Wassers, das gegen das Ufer plätscherte. Rainer spürte die angenehme
Wärme von Tinis Körper und drückte sie fest an sich.
„Ich finde dich toll“, sagte er und küsste sie auf den Mund.
„Ich liebe dich“, antwortete Tini im perfekten Deutsch, dessen
Worte sie anscheinend vorher geübt hatte. Als sie ihren Kopf
gegen seine Schulter legte, sah Rainer sie lächelnd an.
„Ich dich auch“, versicherte er.

„Ich kann mich nicht mehr lange halten!”, schrie Heiko, der
trotz seiner weit ausgebreiteten Arme wieder ein kleines Stück
tiefer gerutscht war. „Wenn wir wenigstens einen Stock hätten, an dem
er sich festhalten könnte“, jammerte Dieter. Jimmy, der leichter als
Dieter und Rainer war, legte sich flach auf den Bauch. „Nehmt mich!“,
rief er, und schob sich langsam von hinten an Heiko heran. Als
er dessen Pullover zu fassen bekam, klammerte er sich mit beiden
Händen daran fest. „Los zieht!“, schrie Jimmy, während er ein
weiteres Abrutschen Heikos zu verhindern versuchte.

Das infernalische Donnern ließ einige Camper, die anscheinend
an den Weltuntergang glaubten, in Panik aus den Zelten stürzen.
Rainer, der den längsten Grashalm gezogen hatte, nahm hinter Jo
auf dem großen Sattel Platz, und wartete mit vor Aufregung geröteten
Wangen darauf, dass es endlich losging. Krachend rastete
der erste Gang ein, und als der Holländer den Kupplungshebel
nach vorne schnellen ließ, machte die riesige Maschine einen
mächtigen Satz nach vorne. Gerade noch rechtzeitig bekam
Rainer Jo’s Schulterklappe zu fassen, und hielt sich daran fest.
Im Schleichtempo holperte die Harley über die Schlaglöcher
des Feldwegs zur Rheinuferstraße hinauf, wo, wie immer um

diese Zeit, reger Verkehr war. Dort ließ Jo den großvolumigen
Zweizylinder aufheulen und zeigte, was in ihm steckte.
Die schwere Maschine beschleunigte erstaunlich schnell und
jagte immer schneller werdend an den gemächlich dahin schleichenden
Autos vorbei, die, wenn deren Fahrer die Harley plötzlich
hinter sich auftauchen sahen, wie aufgescheuchte Hühner
zur Seite wichen. Der Holländer machte sich einen Spaß daraus
und genoss es, in die vor Schreck geweiteten Augen der
Fahrzeuglenker zu schauen. Wenn es sich um eine Fahrerin handelte,
grüsste er sie mit einem Augenzwinkern, gab Vollgas und
jagte unter ”Wouwouuu!”-Geschrei in engen Schlangenlinien
seinem nächsten Opfer hinterher. Mit seinen im Wind flatternden
Haaren sieht er aus wie ein galoppierender Indianer, dachte
Rainer und stimmte begeistert mit in Jos Geheule ein. Viel zu
schnell erreichten sie die Felswand auf der angeblich die berühmte
Dame gesessen und sich ihre blonden Haare gekämmt haben sollte.
„Is dat chut?”, rief Jo nach hinten, als er an einer
Straßeneinmündung wendete. „Total knorke!”, schrie Rainer begeistert,
alles was er sonst noch sagte ging wieder im Motorenlärm unter,
als der Holländer Vollgas gab. Auf der Rückfahrt schien er das Letzte
aus der Maschine herausholen zu wollen. Diesmal begnügte er sich aber
damit, mit hundertvierzig an den Autos vorbeizudonnern, was
allerdings die Augenkontakte mit den verängstigten Fahrern
auf ein zeitliches Mindestmaß schrumpfen ließ. Als sie auf dem
Campingplatz ankamen, räumte Rainer nur ungern seinen Platz
und sah neidisch seinem glücklichen Nachfolger hinterher, der
das Erlebnis noch vor sich hatte.
„Sagenhaft! Sagenhaft!“, Rainer hatte sichtlich Mühe, sein
Erlebnis in Worte zu fassen. „So ‘ne Maschine leg ich mir auch
mal zu!”, rief er begeistert, als das tuckernde Geräusch des Harley
Motors plötzlich in das explosionsartige Knattern überging, das
erst mit zunehmender Entfernung langsam leiser wurde.

„Aber was hat Jo damit zu tun?”, fragte Heiko.
Dieter verdrehte die Augen. „Überleg’ doch mal!”, er schaute

Heiko eindringlich an. „Wenn Jo morgens losfährt, sind die
Koff er voll”, sagte er bedeutungsvoll. „Wenn er zurückkommt,
sind sie leer.” „Nehmen wir an”, stellte Rainer richtig, dem es endlich
gelungen war, einen kleinen Rest Zahnpasta aus seiner
Dünnblechschnecke zu quetschen. „Der liefert irgendwas für die aus”,
behauptete Dieter, ohne auf Rainers Einwand einzugehen.
„Aber das sind nicht seine Freunde, hat Jo gesagt”, mischte sich
Heiko ein. „warum sollte er denen‘nen Gefallen tun?”
„Vielleicht verdient er ja selbst ganz gut dabei?”, sagte Dieter,
während er prüfend mit der Hand über sein Kinn fuhr, an dem
er sich sehnlichst die ersten Anzeichen von Bartwuchs erhoffte.
„Ich glaube ich muss mich bald rasieren”, meinte er und löste
damit sofort einen Lachanfall seiner Freunde aus.
„Mit ‘nem scharfen Handtuch kommste gut klar!”, feixte Heiko,
dessen Kinn noch glatt wie ein Babypopo war. Auf dem Rückweg
zum Zelt machte sie einen Abstecher zum Kiosk, um sich nach
der heiß ersehnten Geldsendung aus Duisburg zu erkundigen.
Doch der Typ hinter der Theke schüttelte wieder bedauernd den
Kopf. Langsam wurde ihnen die Sache unheimlich. Länger als
drei Tage brauchte ein Brief für gewöhnlich nicht und es war
jetzt schon über einer Woche her, dass sie ihre Bettelpostkarte
eingeworfen hatten. „In den Ferien hat die Post mehr als sonst zu tun“,
tröstete sie der Kioskmann, der offensichtlich noch keinen Grund zur
Besorgnis sah. Was bestimmt anders gewesen wäre, wenn er gewusst
hätte, dass sie schon längst von der Zeltplatzmiete lebten.
„Mist!”, schimpfte Dieter, „dass die Zuhause kein Telefon haben.“
Er konnte sich nicht erklären, was ihre Mütter davon abhielt,
endlich das dringend benötigte Geld zu schicken.
„Wüsste auch nicht, wen wir anrufen könnten“, stellte Rainer
fest. „Ob wir noch mal schreiben sollen?“, fragte Dieter.

„Verdammt!”, schimpfte Rainer. „Heiko hat keine Chance, die
Typen sind verdammt schnell.”„Wie viel Vorsprung hat er denn?”, fragte
Dieter besorgt. „Höchstens zweihundert Meter”, vermutete Rainer.
„Dann gute Nacht!”, sagte Dieter und zuckte resignierend die
Schultern. „Los hinterher“, forderte ihn Rainer auf, „sonst machen die
Hackfleisch aus ihm.” Sie zogen ihre Räder aus der Hecke und fuhren
mit unguten Gefühlen hinter Heikos Verfolgern her, die offenbar seinen
Zwangstausch nicht akzeptiert hatten und jetzt auf Rache sannen.
Weil sie bewusst langsamer fuhren, waren die drei Erwachsenen
Lahnsteiner bald außer Sichtweite. „Was meinste, was die mit dem
anstellen, wenn die ihn kriegen?”, fragte Rainer besorgt und verschärfte
sein Tempo. „Will gar nicht darüber nachdenken“, antwortete Dieter und
trat ebenfalls fester in die Pedalen. Vielleicht würden sich Heikos
Jäger etwas mehr zurückhalten wenn Zeugen in der Nähe waren.
Helfen konnten sie ihm jedenfalls nicht, denn gegen die drei
Lahnsteiner hatten sie keine Chance. Die heiße Mittagssonne trieb ihnen
den Schweiß auf die Stirn, aber die Hitze alleine war nicht der Grund.
„Hoffentlich ist Heiko nicht zum Zeltplatz gefahren!”, hechelte
Dieter. „So doof wird der schon nicht sein!”, vermutete Rainer, schaute
aber trotzdem besorgt.

Wie erwartet war die Einstiegsluke tatsächlich mit einem
Vorhängeschloss gesichert. Dieter zog das Sägeblatt aus der
Hosentasche, rutschte auf den Knien zur Luke, spuckte sich in die Hände
und begann zu sägen. „Verdammt hart”, fluchte er leise, als sich die
Zähne des Sägeblattes nur zögerlich in den gehärteten
Stahl des Schlossbügels fraßen. Ungeduldig trommelte Rainer mit den
Fingern aufs Deck. „Soll ich mal versuchen?“, fragte er, ohne vom
verbissen weiter sägenden Dieter eine Antwort zu bekommen.
„Ich geh mal kurz die Lage peilen”, sagte Rainer plötzlich und
lief auf der Land abgewandten Seite der „Batavia“ nach hinten.
Natürlich waren Steuerhaus und Kajüte verschlossen, aber
er konnte durch die Fenster hineinschauen. Da dort allerdings
weder Rauschgiftpakete noch andere Beweisstücke herumlagen,
ging Rainer enttäuscht zu Dieter zurück, der mittlerweile immerhin
die Hälfte des Bügels durchgesägt hatte. „Gib her, ich mach weiter”,
sagte Rainer. Erleichtert drückte ihm Dieter das heiße Sägeblatt in die
Hand. Die Schweißperlen auf seiner Stirn machten deutlich, wie
anstrengend die Arbeit war. „‘ne richtige Säge wäre besser gewesen“,
stellte er fest und hielt Rainer seine Blasen geschmückte Handfläche vors
Gesicht. „Brauch ich sonst nie“, sagte Rainer grinsend, zog ein kaum
benutztes Tuch aus der Hosentasche und wickelte es um das
Ende des Sägeblatts, von dem sich das schützende Isolierband
mittlerweile fast abgelöst hatte. Mit Elan fing er an zu sägen
und schon nach wenigen Minuten gab der Bügel nach und ließ
sich zur Seite drehen. Die schlecht geschmierten Scharniere
quietschten, als Rainer den schweren Eisendeckel der Luke nach
oben klappte. Eine an der Einfassung der Luke angeschweißte
Metallleiter führte in den dunklen Schiffsbauch hinab, wo nur
ein der Lukenöffnung entsprechender, viereckiger Lichtfleck verriet,
wo der Boden war. „Ganz schön duster da unten“, sagte Rainer und
schwang sich über den Rand. „Wir müssen wohl die Klappe auflassen“,
meinte er und hätte sich selbst ohrfeigen können, weil er nicht an
eine Taschenlampe gedacht hatte. Wahrscheinlich wäre es für
Jimmy kein Problem gewesen eine zu besorgen. Jetzt war nicht
mehr zu ändern, dass der Deckel schon von weitem zu sehen
war. Unten angekommen, mussten seine Augen sich erst an die
Finsternis gewöhnen. Er stellte fest, dass er sich nicht, wie erhofft, im
Frachtraum sondern in einem kleinen Raum befand,
der offensichtlich als Abstellkammer genutzt wurde. Die wahllos
auf dem Boden liegenden Taue, Eimer und Kisten zeugten von
wenig Ordnungssinn. Rainer atmete erleichtert auf, als er eine
mit einem großen Metallhebel verriegelte Türe entdeckte, die
zum Frachtraum führen musste. Sie ließ sich leicht öffnen und
als Dieter ebenfalls unten war, gingen beide hindurch.
Der dahinter befindliche riesige Raum war anscheinend leer.
Das an wenigen Stellen durch die Abdeckbretter blitzende Licht
reichte nicht aus, um sich in der Dunkelheit orientieren zu können.
Vorsichtig tasteten sie sich an der Schiffswand entlang vor,
bis sie auf eine Reihe von Fässern stießen, die mit Metallbändern
gesichert waren. „Wahrscheinlich Dieselöl”, vermutete Rainer.
Als sie plötzlich ein seltsames Brummen hörten, zuckten beide
zusammen. „Was war das?”, flüsterte Dieter ängstlich und hielt
Rainer am Arm fest. „Keine Ahnung“, antwortete er und schob sich
langsam weiter vor, bis es plötzlich vor ihm raschelte.„Ob das Ratten
sind?” Rainers Nackenhaare sträubten sich, weil er sich daran erinnerte,
dass Ratten angeblich mit Vorliebe in Hosenbeine krabbelten.

Als sich der Molukker mit einem spitzen Schrei auf ihn stürzte,
schlug Jo den auf seinen Hals zielenden Messerarm geistesgegenwärtig
zur Seite und langte gleichzeitig mit links zu. Obwohl ihn
der Schlag nur an der Schulter traf, wurde der Molukker rücklings
gegen den Tisch geworfen, wo er ins Taumeln geriet und
in die Knie ging. Jo setzte sofort nach, bekam das Handgelenk
seines Gegners zu fassen, und quetschte es so lange zusammen,
bis der Molukker mit einem Schrei das Messer fallen ließ. Der
Holländer zog seinen entsetzt dreinschauenden Gegner nach oben und
holte weit aus. Als Jos mächtige Linke in das Gesicht des Matrosen
krachte, kippte der Molukker wie ein gefällter Baum nach hinten und
schlug mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden auf, wo er sofort
regungslos liegen blieb. Jo trat das Messer des Bewusstlosen zur Seite
und atmete erleichtert auf. „Hände hoch!” Willys Stimme zitterte zwar
ein wenig, klang aber trotzdem entschlossen. Die in ihrer Hand
befindliche kleine Pistole zielte direkt auf Jos Kopf. „Du willst mich also
erschießen?”, sagte Jo ruhig und kam zögernd ihrer Forderung nach.
Während er langsam die Hände hob, vergewisserte er sich durch einen
kurzen Blick, dass beide Hähne der Mini Waff e gespannt waren. „Nicht
unbedingt”, antwortete Willy und visierte weiter Jos Gesicht an. „Was
willst du denn jetzt machen?”, fragte Jo scheinbar gelassen. „Warten, bis
Pitt zurückkommt”, antwortete die etwas überstylte Schönheit mit
ruhigerer Stimme, „soll der doch entscheiden, was mit dir passiert.” Jo
schaute der Blonden fest in die Augen. „Dann kannst du mich gleich
erschießen”, sagte er, „das hatte Pitt sowieso vor!”


Das Buch kann direkt beim Gryphon-Verlag (siehe oben) oder in Buchhandlungen   (ISBN 3-938109-09-2 978-3-938109-0) bestellt werden.